Geschichtliches, Kleine Teekunde, Schwarze Tees

Ein adeliger Tee-Klassiker – »Earl Grey«

Am Earl Grey scheiden sich die Tee-Geister. Einige Tee-Enthusiasten – oder vielmehr die Puristen unter uns – würden sogar behaupten, dass dieser Tee die Kenner, von den »Supermarkt-Teetrinkern« trennt. Ich bin allerdings seit jeher der Meinung, dass jeder seinen Tee so genießen sollte, wie er ihm schmeckt. Wieso also nicht auch mit dem Zusatz vom Öl der Bergamotte?

Ich persönlich trinke sehr gern Earl Grey. Jetzt ist es raus. [Und schon sehe ich die Spezialisten ihre Augenbrauen anheben]. Aber hey, es gibt ihn: den »guten« Earl Grey. Daher möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für diesen britischen Evergreen brechen.

Ich wage mal zu behaupten, dass jeder, der schon einmal Tee getrunken hat, auch einen Earl Grey am Gaumen hatte. Zumindest haben die meisten eine Vorstellung davon, was dieser Tee ist. Wer in Hotels, Restaurants oder Cafés einen Schwarztee trinken möchte, bekommt ihn in der Regel vorgeschlagen. Im Supermarkt-Regal gibt es meist eine größere Auswahl. Und nahezu jede Teemarke und jeder Teehändler hat ihn im Sortiment. Das ist ein Zeichen dafür, dass er den meisten Menschen schmeckt – insbesondere denen, die sich mit Tee weniger gut auskennen oder mit dem Geschmack von Tee pur nicht warm werden. [Und es spricht auch dafür, dass er relativ günstig hergestellt werden kann].

In der Regel stellen wir uns darunter also einen Schwarztee mit einem Zitrusaroma vor. Und der Name verortet den Tee nach Großbritannien. Es gibt jedoch noch mehr rund um diesen Tee zu entdecken.

Wer war Earl Grey, dass ein Tee seinen Namen trägt? Wie wurde das Getränk erfunden? Wer hat es erfunden? Wann? Und in welcher Beziehung steht er zu anderen Sorten wie »Lady Grey« oder »Madame Grey«? Gibt es den nicht manchmal auch in Grün? Und wo wir schon dabei sind. Was ist eine Bergamotte? Also, los geht’s! […]

Inhaltsverzeichnis ~ Shortcuts

Was macht einen Tee zu einem Earl Grey? – Die Tee-Basis

Zunächst müssen wir festhalten, dass Earl Grey eine Mischung aus verschiedenen Tee-Sorten ist. Diese wird anschließend aromatisiert. Daher sortieren Fachgeschäfte die Earls unter Aromatisierte Tees.

Gehen wir von einem klassischen Grey aus, [denn, es gibt inzwischen auch neu interpretierte Varianten, aber dazu später mehr] enthält er verschiedene Schwarztees aus China und/oder Indien. Welche Sorten geblendet werden, ist dabei ganz dem Hersteller überlassen. So etwas wie ein Rezept, an das sich gehalten werden muss, gibt es nicht. Auch die Bezeichnung ist nicht geschützt.

Diese Tatsache macht einen Teil des Problems mit dem Tee aus. Theoretisch kann hier alles und in jeder Qualität zusammengemischt werden. Das verleitet natürlich dazu eher minderwertigen Tee als Grundlage zu verwenden. Denn das später zugefügte Bergamottaroma kann in beliebiger Menge fehlende Qualität überdecken [und gute Qualitäten leider zum Teil auch ruinieren].

Im Ergebnis erklärt dieser Umstand natürlich die hochgezogenen Augenbrauen der Tee-Puristen. Die Wahrscheinlichkeit einen guten Earl Grey zu bekommen, ist leider gering. Ein Indiz für einen der besseren Earls ist eine Zutatenliste, die einzelne Tee-Sorten aufführt, statt sich hinter »diversen Schwarztees« oder ähnlichem zum Verstecken.

Apropos Sorten. Geblendet wird in der Regel alles: angefangen vom chinesischen Keemun, über indischen Darjeeling, Assam oder Ceylon bis hin zu einem Tarry Lapsang Souchong mit Rauchnote. Egal sind die Sorten allerdings nicht, denn von ihnen hängt zum Beispiel auch ab, ob der Tee mit Milch noch schmeckt. Ein frischer Keemun oder ein zarter Darjeeling als Basis wird mit Milch ziemlich flach schmecken, dafür aber pur wesentlich besser. Bildet ein kräftigerer Ceylon oder sogar Assam die Grundlage, könnte auch Milch oder frische Zitrone den Tee ergänzen.

Ein Blick auf das Etikett lohnt sich also. Wer die Basis unter Kontrolle behalten möchte, wählt anhand der Sorte – oder blendet den Tee einfach selbst.

Tee Mariage Freres Earl Grey Teebeutel teabag tea
Teebeutel aus Musselin der Luxusmarke Mariage Frères │ Foto: tobym under CC BY-NC-ND 2.0

Was macht einen Tee zu einem Earl Grey? – Das Aroma

Der zweite Bestandteil, der aus einer einfachen Schwarztee-Mischung einen englischen Adligen macht, ist die Aromatisierung mit Bergamotte. Das kann auf drei Arten passieren: mit echtem Bergamottöl, einem chemischen Pendant oder dem Zusatz von Zesten der Frucht. Und man ahnt es bereits: auch das kann ausschlaggebend für die Qualität und vor allem den Geschmack eines Earl Grey sein.

Zu viel Aroma führt zu einer seifigen Wahrnehmung und einer pelzigen Zunge. Zu wenig macht den Tee flach. Es kommt also neben der Qualität der Zutat auch noch auf die Balance in der Dosierung an. Wieder ein Grund, warum es so viele schlechte Earls auf dem Markt gibt.

Und nicht alles, was sich natürliches Bergamottaroma nennt, stammt tatsächlich von einer echten Bergamotte. Wie alle Aromen lässt sich auch dieses chemisch zusammenbauen. Das klingt nicht aromatisch und schmeckt meist auch nicht echt.

Das natürliche Öl einer Bergamotte ist wesentlich aufwändiger zu produzieren. Die Frucht wird kommerziell überwiegend in Italien gezüchtet und verarbeitet, wo ihre Qualität auch mit dem DOP-Siegel geschützt wird. Einst hatten die Bauern die Früchte manuell pressen müssen, später dann mit Pressvorrichtungen aus Holz und heute passiert dies selbstverständlich maschinell. Was sich nicht wesentlich geändert hat, ist die Tatsache, dass für einen Liter Öl etwa 200 Kilogramm Früchte (oder etwa 100 Stück) gebraucht werden. Und das spiegelt sich im Preis des Öls wider.

Es verdeutlicht, warum einige anstelle des hochwertigen Öls auf ein chemisches Aroma zurückgreifen. Am elegantesten wird das Tee-Aroma durch Trockenfrucht-Zesten hinzugefügt. Allerdings ist diese Methode schwerer zu kontrollieren, wenn ein beständiger Geschmack erzielt werden soll und auch flüchtiger.

Bergamotte Öl Aroma Tee
Für einen Liter Öl werden etwa 100 Früchte benötigt │Foto: digitale Collage: Kannenweise unter Verwendung von public domain Abbildungen von Wikimedia Commons

Exkurs: Die Bergamotte

Bevor wir uns anschauen, wie die Zutaten technisch zu einem Earl Grey zusammengefügt werden, betrachten wir einmal die Bergamotte, damit deutlich wird, was diese von anderen Zitrusfrüchten unterscheidet und weshalb sie überhaupt mit Tee in Verbindung gebracht wird.

Bergamotte Earl Grey Tee Frucht
Eine noch unreife Bergamotte │ Foto: Chris White under CC BY-NC-ND 2.0

Die Bergamotte ist eine spannende Frucht. Sie erinnert in Schale und Oberfläche optisch an eine Limette, in ihrer Form aber an eine Birne. Eine türkische Birne gibt ihr daher auch ihren Namen. Tatsächlich ist sie jedoch ein Hybrid aus der Zitronatzitrone und der Bitterorange. Das haben genetische Untersuchungen an der Frucht inzwischen bestätigt. Geschmacklich wird sie süßer als Zitrone und bitterer als Grapefruit beschrieben. Botaniker kennen die Bergamotte unter ihrem Fachnamen »Citrus Bergamia«.

Ihre Erntezeit beschränkt sich lediglich auf die Wintermonate November bis März. Insgesamt werden drei Sorten unterschieden: Castagnaro, Feminello und Fantastico. Anhand der Namen erkennt man auch deren Hauptvorkomme. Von den drei Sorten ist Castagnaro die älteste. Das meiste ätherische Öl wird aus der Fantastico gewonnen. Die bessere Qualität erhält man jedoch aus der Feminello.

Etwa 90 Prozent aller Bergamotten stammen aus dem circa 100 Kilometer langen Küstenstreifen Kalabriens im Süden Italiens. Außerhalb Italiens findet man unter anderem auch Plantagen in Argentinien, Brasilien, Mali, Guinea, Kamerun oder der Elfenbeinküste. Der Anbau im großen Stil ist jedoch noch recht jung. Man vermutet ihre Kommerzialisierung erst seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Bergamotte Öl Earl Grey Tee Paolo Vilardi
Auf dem Etikett der Marke Paolo Vilardi ist die Pressmaschine aus Holz zu sehen. │Bild: Public domain via Wikimedia Commons

Darüber woher die Zitrusfrucht ihren Ursprung hat, besteht leider kein wissenschaftlicher Konsens. Die Theorien reichen vom Orient, woraus sie dann während der Kreuzzüge nach Europa migriert wurde, über China oder Griechenland bis hin zu den Kanarischen Inseln. Von den letzteren soll Christopher Columbus sie importiert haben. Wahrscheinlich ist aber, dass es die Bergamotte einfach immer schon in Kalabrien gegeben hatte. Das zeigen Indizien, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen.

In Europa wurde die Zitrusfrucht vor allem als Parfüm-Rohstoff populär. Auch heute findet sich die Bergamotte aufgrund ihres frischen, lebhaften und spritzigen Duftes in der Kopfnote vieler Parfüms. Das berühmteste unter den Pionieren war wohl das »Kölnisch Wasser« oder »Eau de Cologne« der Kölners Johann Maria Farina. Der Verkaufsschlager schwappte auch nach Großbritannien, wo es zum dominierenden Herrenduft des 19. Jahrhunderts wurde.  Und hier schlagen wir nun die Brücke zum Gebrauch des Öls bei der Veredelung englischer Tees.

Wie wird der Tee hergestellt?

Der Basis-Tee für einen Earl Grey wird wie jeder schwarze Tee oxidiert und je nach Bedarf gemischt. Die ursprünglichste aller Mischungen war wohl die aus Assam, Ceylon, Darjeeling, Keemun, [dem grünen!] Gunpowder und etwas Tarry Lapsang Souchong.

Unabhängig von der individuellen Zusammenstellung der Teesorten besteht die Mischung im besten Fall aus losen Blatt-Tees, im schlimmsten nur noch aus Fannings oder Dust für den Teebeutel. In der modernen Herstellung wird der Tee in große Trommeln gefüllt, wo durch feine Düsen das ätherische Öl der Bergamotte eingesprüht wird. Die Trommel bleibt dabei in Bewegung, wodurch das Aroma gleichmäßig verteilt und in die Teeblätter eingearbeitet wird.

Wie bereits erwähnt, ist die Balance der Parfümierung an dieser Stelle elementar für die Qualität. Bevor der Tee in den uns heute bekannten Mengen industriell produziert wurde, gab es jedoch eine viel aufwändigere und sanftere Weise zum Ziel zu kommen.

Dabei wurde die Tee-Mischung in Kegeln geschichtet und in Filterpapier gehüllt. Dieses Filterpapier besprühte der Blender täglich morgens und abends mit frischem Bergamottöl. Der Tee wurde also nur indirekt aromatisiert. Mit jedem Auftrag des Öls mischte er den Tee durch. Diese Prozedur dauerte mindestens eine Woche. Solch eine sanfte Übertragung des Öls mittels Papier auf den Tee half dabei den Geschmack des Darjeeling oder den malzigen Anteil im Assam, beziehungsweise sanfte Rauchnoten zu erhalten.

Diese Eigenschaften gehen durch die moderne Art der Aromatisierung leider verloren, was dem Tee tatsächlich seine einstige Eleganz nimmt.

Nach wem wurde der Tee benannt?

Kommen wir nun zu dem Mythischen Teil der Geschichte. Denn Vieles rund um den »Earl Grey« ist bis heute nur schwer nach Mythos und historisch belegten Fakten zu trennen. Daher finden wir recht häufig Zusätze wie »vermutlich« und »wahrscheinlich«. Ganz Pragmatische sagen sogar: es war alles nur eine erfolgreiche Marketing-Kampagne.

Je nach Quelle, ist man sich schließlich noch nicht einmal einig, auf wen der Name des Tees nun genau zurückgeht. Die meisten – insbesondere die, die sich dessen Erfindung zuschreiben – stellen bei der Benennung der Tee-Mischung einen Bezug zu Charles Grey, dem 2nd Earl Grey her. Dieser war in den Jahren 1830 bis 1834 britischer Premierminister.

Charles Grey, der 2nd Earl Grey │ Bild: Public domain via Wikimedia commons bereitgestellt von Samuel Cousins, koloriert und dekoriert von Kannenweise

Während seiner Regierungszeit trug er zu Reformen im House of Commons und zur Abschaffung der Sklaverei im Britischen Königreich im Jahr 1833 bei. Er setzte sich für Kirchenreformen und Irland ein und wird heute weitestgehend für die Verhinderung eines Bürgerkrieges und dem Vorantreiben generellen viktorianischen Fortschritts geschätzt.

Als ältester Sohn eines Generals genoss er eine privilegierte Ausbildung, die er unter anderem am Eton und Trinity College in Cambridge absolvierte. Nach dem Tod seines Vaters 1807 übernahm er dessen Titel, Viscont Howick und Baron Grey of Howick. Mit nur 22 Jahren wurde er in das Parlament des Wahlkreises Northumberland gewählt, wo seine politische Karriere ihren Anfang nahm.

Nach einer Aufsehen erregenden Affäre mit der Herzogin von Devonshire Georgiana Cavendish (und einer daraus resultierenden unehelichen Tochter) heiratete Grey die Gräfin Mary Elizabeth Ponsonby, mit der er in der Zeit zwischen 1796 und 1819 zehn Söhne und sechs Töchter großzog. Seine letzten Jahre verbrachte er zufrieden in Howick inmitten seiner Bücher, Familie und Hunde. [Und vielleicht auch mit einer Tasse Earl Grey]. Nach einer zunehmend schwachen körperlichen Verfassung, starb Grey ruhig in seinem Bett am 17. Juli 1845 im Alter von 81 Jahren.

Und wo kam jetzt die Verbindung zum Tee her?

Grundsätzlich fällt Greys Lebens- und Amtszeit in eine entscheidende (wenn auch unschöne) Periode britischer Tee-Historie. In seiner Zeit etablierte die »East India Company« kommerzielle Teefelder in Indien (unter an Sklaverei grenzenden Bedingungen). Ebenso war die BEIC mitverantwortlich für den ersten Opiumkrieg mit China. Tee stand als Handelsgut weit oben auf der Interessensliste und spielte in der Politik eine wesentliche Rolle.

In dieses Umfeld fallen nun Verklärung und Mutmaßungen. Im Grunde gibt es drei Mythen. Der erste Mythos verweist auf einen namenlosen englischen Diplomaten im Dienst von Earl Grey, dem Zweiten. Dieser soll Anfang der 1800er während einer Mission in China, das Leben eines Mandarins (oder das seines Sohnes) gerettet haben. Dieser bedankte sich dafür mit dem Rezept für den aromatisierten Tee.

Die zweite wandelt dieses koloniale Erfolgsgeschichte ab, indem hier Earl Grey höchstpersönlich den Mandarin während einer diplomatischen Reise vor dem Ertrinken gerettet haben soll und die Mischung als Anerkennung erhielt.

Der dritte Mythos erzählt von einer versehentlichen Aromatisierung. Dabei sollen während einer Überfahrt von Asien zu Earl Greys Anwesen Teeblätter direkt neben Bergamotten gelagert haben. Dadurch übertrug sich dessen Aroma auf die empfindliche Ware. Der Earl brühte den Tee dennoch auf und fand Geschmack daran. In Folge soll er sogar die Königin selbst von dem Getränk überzeugt haben.

Die ersten Erwähnungen eines Tees mit dem Aroma einer Bergamotte gehen zumindest schon einmal bis ins Jahr 1824 zurück, also sogar noch vor die Amtszeit des Grafen. Allerdings fällt hier auch noch kein Wort über die Beteiligung des Earls.

Earl Grey Milch Tee
Milch im Earl Grey – eine Streitfrage │ Foto: Jakob Newman under CC BY-NC-SA 2.0

Die Entmythisierung

Ob jetzt selbst, in der Verlängerung durch Dritte oder per Zufall, sind alle Herkunftsgeschichten höchst unwahrscheinlich. Zunächst gibt es keine Hinweise darauf, dass in China seinerzeit Tee mit Bergamotte überhaupt getrunken wurde. Zwar waren aromatisierte Tees durchaus im Heimatland des Getränks beliebt, jedoch setzten die Chinesen eher auf florale Aromen wie Chrysantheme oder Jasmin. Zudem war der Premierminister gar nicht persönlich in China gewesen.

Wie erwähnt herrschte in den 1830er Jahren, aufgrund des britischen Opiumhandels mit China im Austausch für Tee, zwischen den beiden Ländern dicke Luft. In historischen Aufzeichnungen allerdings lässt sich weit und breit kein Eintrag eines diplomatischen Geschenks zurückverfolgen, was ungewöhnlich wäre.

Soweit uns bekannt ist, wurde zudem bereits in den frühen Earl-Grey-Mischungen auch indischer Tee verwendet. Die Industrialisierung der indischen Teeproduktion durch die Briten »begann« allerdings erst in den 1830ern (ebenfalls nicht ohne Kontroversen um Kolonialisierung, Sklaverei beziehungsweise Lohnarbeit unter schwersten Bedingungen). Es ist irgendwie nur schwer vorstellbar, dass der Premierminister im Umfeld dieser politischen Lage rund um den Tee eigene Teemischungen kreierte.

Während in China die Bergamotte zudem noch unbekannt war (und auch nicht angebaut wurde), war diese in Europa zu dieser Zeit bereits als Parfüm höchst beliebt und leicht verfügbar. Was darauf hindeutet, dass das Hinzufügen eines Bergamottaromas eine rein britische Mode-Erfindung sein könnte.

Klingt es auch nicht viel plausibler, dass ein cleverer Teehändler zum seinerzeit populärsten Parfümbestandteil griff, um eine eventuell schlechtere Tee-Qualität zu kaschieren? Und wie werden selbst heute mittelmäßige Produkte beworben? Indem man ihnen eine außergewöhnliche Verpackung oder einen besonderen Namen verpasst und mit einem bekannten Werbegesicht ziert, oder nicht? Was liegt also näher als eine wohlgelittene, adelige Persönlichkeit der Zeit als Testimonial zu verwenden?

Earl Grey Tee Tearooms
Der Name ist nicht geschützt und kann für diverse Produkte verwendet werden │ Foto: Paul Simpson under CC BY-NC-ND 2.0

Und wer soll dieser clevere Teehändler wohl gewesen sein?

Selbst bei dieser Frage wird keine Einigkeit zu finden sein. »Twinings of London« möchte gerne als die Marke gesehen werden, die Earl Grey auf dem englischen Markt etabliert hatte. Und das Unternehmen wird auch von der (heutigen) Familie Grey dabei unterstützt. Der Firmengeschichte zufolge ließ der Graf seinerzeit Tee (von einem Mandarin) auf Wunsch mischen und aromatisieren. Diese Mischung sollte an die spezielle Wasserqualität auf Howick Hall angepasst sein – dem Familiensitz in Northumberland. Dabei diente speziell die Bergamotte dazu den hohen Kalkanteil im Wasser geschmacklich zu neutralisieren.

Da Lady Grey als Frau des Premierministers zahlreiche Veranstaltungen ausrichtete – auch in London, wo ebenfalls kalkreiches Wasser vorherrschte –, wurde der personalisierte Tee schnell populär. Das war dann Grund genug, um Twinings als Vertrieb für die Kreation auf den Plan zu rufen. Bis heute steht die traditionsreiche Marke oft synonym für diesen Tee.

Earl Grey von Twinings Tee
Ein Klassiker unter den Klassikern – der Earl Grey von Twinings │Foto: Aramek under CC BY 2.0

Dieser Version widersprach allerdings der zweite Teehändler, der gerne etwas vom Mythos zur Entstehung abhaben wollte: »Jacksons of Piccadilly«. Laut dessen Firmengeschichte hatte der Earl das Rezept an George Charlton, einem Partner von »Robert Jackson & Co.« in 1836 weitergegeben. Und dieses Rezept soll bis heute unverändert in Produktion sein, ohne jemals das Gelände verlassen zu haben. [Ironischerweise gehört die Marke heute ebenfalls zu Twinings]

Aber was, wenn Premier Grey doch erst nachträglich seinen Namen an die Marke verloren hatte? Und was, wenn dies ohne sein Zutun geschah? Erst Zeitungsannoncen aus den 1850er und 1860er Jahren (also nach Greys Tod) sprechen von »Grey’s Tea« beziehungsweise »Grey’s Mixture«. Einige verweisen auf den Teehändler William Grey (1852), andere auf die beiden zuvor erwähnten. Vielleicht also doch nur eine Marketing-Idee, um das Produkt edler wirken zu lassen? Ohne entsprechende Belege bleibt die ganze Herkunftsgeschichte vage.

Teedosen Tee Twinings Jacksons of Picadilly Earl Grey
digitale Collage von Kannenweise

Tee-Variationen

Vielleicht trägt die Mythisierung aber auch ihr Stück zur Beliebtheit des Tees bei. Seit über 180 Jahren ist der Earl Grey nun aus den Teeregalen nicht mehr wegzudenken – auch bei uns in Deutschland. Mittlerweile gibt es zahlreiche Variationen, die entweder die Basistees austauschen oder weitere Bestandteile zur Mischung hinzufügen.

So kennt man inzwischen recht gut Ergänzungen von Kornblumen, Orangenaromen und etwas weicheren Tee-Sorten, welche dann zum Beispiel als »Lady Grey« (Twinings), »Countess Grey« (Fortnum & Mason) oder »Madame Grey« (Meßmer) vermarktet werden. Wenn weitere Zitrusnoten angereichert werden, wird schnell ein »French Earl Grey« daraus (manchmal auch ergänzt um Rosenblüten) oder ein »Russian Earl Grey« (mit der dominierenden Zitrone).

Lady Grey Tee
Eine Lady Grey Mischung mit den deutlich zu sehenden Kornblumen │ Foto: Ronald van der Graaf under CC BY-SA 2.0

Zunehmend beliebt werden auch Greys auf Basis von Grüntee, statt schwarzem Tee. Häufig tauchen sie dann unter Namen wie beispielsweise »Earl Green«, »Sencha Grey« oder ähnlichem auf. [Diese Variante mag ich zum Beispiel durchaus sehr gern zum Frühstück]

Erfreulich ist auch zu sehen, wenn bei den Mischungen noch ein Blick auf den Ursprung gelegt wird, und hin und wieder eine Variante auftaucht, die Gunpowder enthält. Oder auch auf den inzwischen viel zu selten verwendeten Lapsang Souchong als Bestandteil zurückgegriffen wird, wie beispielsweise bei Fortnum & Masons »Smoky Earl Grey«.

Man sieht, der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, solange die Bergamotte irgendwo auftaucht.

Ein Hauch von Grey. │ Foto: Kannenweise

And it goes on and on and on […] Worauf beim Kauf achten?

Die Beliebtheit macht übrigens auch nicht bei dem klassischen, heiß aufgebrühten Tee Halt. Inzwischen gibt es zahlreiche, weit darüber hinausgehende Einsatzmöglichkeiten. Ein Beispiel ist die Cocktailwelt. Neben dem Klassiker »Earl Grey Fizz« auf Martini-Basis, lässt sich der Tee auch mit Gin gut mischen.

In den 1990er Jahren kam eine weitere Abwandlung hinzu. Unter einem »London Fog«, kennen vor allem Kanadier und Briten ein Heißgetränk aus Earl Grey, aufgeschäumter Milch, Vanille-Syrup und Honig.

Längst findet sich der Tee auch in Desserts wieder. In diesen Bereichen muss man sicher nicht auf einen qualitativ hochwertigen Earl Grey achten, eher auf einen mit richtig Wums im Aroma. Wer den Tee aber als Tee genießen möchte, dem seien hier noch einmal zusammenfassend die Tipps zur Auswahl ans Herz gelegt:

Ist es ein loser Blatt-Tee?
Lassen sich die verwendeten Tee-Sorten einzeln identifizieren?
Wird echtes Bergamottöl eingesetzt? Oder zumindest natürliches Aroma? (Wurde Soja-Lecithin verwendet? Dann Finger weg, denn das deutet auf die chemische Aromatisierung hin)
Gibt es eine interessante neue Mischung, mit besonderen Zutaten?
Nicht vergessen: es ist und bleibt aromatisierter Tee. Er sollte daher nicht zu teuer sein. Wenn 100 Gramm mehr als 8 Euro kosten, ist das Geld vielleicht in einen nicht aromatisierten Tee besser investiert.
Und natürlich: trinkt den Tee, der euch persönlich am besten schmeckt! Probiert euch durch Ziehzeiten (klassischerweise zwischen 2 und 5 Minuten) und Sorten, bis auch für euch ein guter Earl dabei ist.
Earl Grey Tee
All das kann Earl Grey sein: ein loser Tee mit Zesten (links), einer mit Kornblumen und ein grüner Blatt-Tee. │ Foto: Kannenweise
Earl Grey Tee
In den Teebeuteln ist eher niedrige Qualität zu erwarten. Ganz recht zum Beispiel sieht man sogar die Aromakügelchen. │ Foto: Kannenweise

Ich habe noch eine ungeöffnete Dose rauchigen Earl Grey hier stehen. Vielleicht ist das nun die perfekte Gelegenheit für eine Tasse. Und demnächst könnt ihr dann hier lesen, wie er mir geschmeckt hat. Bis dahin!

Earl Grey Tee
Foto: Matt Seymour via unsplash

Quellen:

Bildnachweise (falls nicht in Bildunterschrift vermerkt):
Beitragsbild: Eine digitale Collage von Kannenweise

Literatur:
»Tee – Das Handbuch für Genießer« von Jane Pettigrew in Zusammenarbeit mit Mariage Frères, Paris, Seiten 68f, 85

»World Atlas of Tea« von Krisi Smith, Herausgeber Mitchell Beazley; UK ed. Edition (8. September 2016), ISBN 978-1784720933, Seite 29

»Das große Teebuch« von Rainer Schmidt, Braumüller Verlag, gebundene Ausgabe 2017, ISBN 978-3-99100-225-3, Seite 302

Web:
Homepage Boston Tea-Party Ship, Beitrag Who Was Earl Grey?, Stand 10.05.2022
Wikipedia (EN), Artikel Earl Grey, Stand 10.05.2022
Wikipedia (EN), Artikel Charles, 2nd Earl Grey, Stand 10.05.2022
Wikipedia, Artikel Bergamotte, Stand 10.05.2022

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