Heinrich Porzellan
Portraits, Porzellanmanufakturen

Die (beinahe vergessene) Porzellanmanufaktur Heinrich & Co. Selb

Als Franz Heinrich zu den alteingesessenen Porzellanherstellern Deutschlands hinzustieß, wurde Porzellan hier bereits seit über 190 Jahren in Exzellenz gefertigt. Heinrichs Fabrik war also keine der ersten Stunde. Dennoch sollte sie später eine der ganz Großen werden, um dann nach knapp hundert Jahren wieder langsam in der Versenkung zu verschwinden.

Neben der Bedeutung für Selb (der Heimat vieler namhafter Manufakturen), steht »Heinrich & Co.«  auch bei mir persönlich ganz hoch im Kurs. Ich liebe viele Stücke und Designs des Hauses – insbesondere aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Daher finde ich es schade, dass Heinrich so häufig nur kurze Erwähnung am Rande der Porzellan-Metropole Selb findet.

Für zwei Dinge erinnern sich Porzellanfreunde jedoch auch heute noch an die Manufaktur: das Geschirr, mit welchem in den 1930er Jahren deutsche Zeppeline ausgestattet wurden, und die preisgekrönte Mid-Century Form »Anmut«.

Aber bevor wir hier ankommen, gilt es ein paar Grundsteine zu setzen. Den ersten legte der Gründer Franz Heinrich, den wir uns als erstes ansehen werden.

Inhaltsverzeichnis ~ Shortcuts

Von Bier und Familienwurzeln

Franz wurde im Februar 1876 in eine alte Selber Familie hineingeboren. Bereits 1703 nannten die Heinrichs Selb ihr Zuhause und auch schon hunderte von Jahren zuvor, waren sie stets in der Gegend rund um die Stadt ansässig gewesen. Zu Franz‘ Familie gehörten seine Eltern, drei jüngere Brüder – Ernst, Wolf und Michael – sowie die jüngere Schwester Anna. Zwei seiner Brüder würden ihn später auch in seiner Selbständigkeit zur Seite stehen.

Die Heinrichs waren keine Porzelliner per se gewesen; ihre Berufe wurzelten im Bier-Gewerbe. So war auch Heinrichs Vater »Kommunbrauer«. Zu seinem Kammergut gehörten mehrere Grundstücke, ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb und vor allem eine Bierwirtschaft, die gerade so zum Leben reichte.

Wie für die Zeit üblich, musste Franz als ältester Sohn, schon früh im elterlichen Betrieb mit anpacken. In einer Jubiläumsfestschrift seiner zukünftigen Porzellanfabrik hieß es, dass er bereits vier Stunden auf dem elterlichen Hof gearbeitet hatte, bevor er den Weg zur Schule antreten musste. Seine Tage waren also lang und gefüllt mir Arbeit.

Den Vater beschrieb Franz später als ernst und schweigsam, seine Mutter als eine konstante Stütze in seinem Leben. Sie war bemüht zwischen ihm und dem Familienoberhaupt zu vermitteln, denn Franz wusste schon früh, was er wollte. Und das war nicht das Leben seines Vaters – und auch keines in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis.

Lehrjahre und der Brennofen im »Wohnzimmer«

Die Volksschule schloss Heinrich mit 13 Jahren ab und begab sich in die Lehre zum Porzellanmaler. Das war ein damals häufig vertretener Beruf in der Porzellanstadt Selb. Nach der fünfjährigen Ausbildung, wurde er mit 18 Jahren »freigesprochen«. [Eine frühe Form des Wettbewerbsverbots, wenn man so wollte.] Das hieß, dass er seinem Ausbildungsbetrieb nichts mehr schuldig war und sich nach einer anderen Arbeit umschauen durfte. Und das tat Franz, denn während seiner Ausbildung wurde ihm klar, dass er nach Jahren der Arbeit für andere, nun lieber für sich selbst arbeiten wollte.

Er zog fort, absolvierte seinen Wehrdienst, versuchte sich im allein Leben und kehrte zwei Jahre später zu seiner Familie zurück. Doch der Wunsch nach Selbständigkeit keimte noch immer in ihm. Statt also eine sichere Anstellung in seinem erlernten Beruf zu suchen, bat er seinen Vater um einen Raum im elterlichen Haus. Dort wollte er selbst Porzellan bemalen und im Anschluss auf eigene Rechnung vertreiben.

Sein Vater tat ihm den Gefallen und so richtete Franz in dem kleinen Zimmer eine Schmelzmalerei ein. Er kaufte fertiges Weißporzellan im Ort, baute einen Muffelofen für den Dekorbrand, dekorierte das Porzellan und stapelte es in einer anderen Ecke des Zimmers für den Vertrieb. Und das, was er während seiner Lehre ungern tat, machte ihm nun wieder Freude.

Diese erste Muffel war noch recht einfach und klein. Von den größeren Teilen eines Services, wie Terrinen, Kannen oder Vasen, passten pro Brand nur einige wenige hinein. Heinrichs Ersparnisse waren bereits für das Material draufgegangen, so dass ihm Geld für das notwendige Brennholz fehlte. Sein Vater half ihm hier aus, denn er selbst hatte ausreichend Brennholz im Betrieb und bewunderte die Entschlossenheit seines Sohnes. Recht schnell stellte Franz als Hilfe eine zusätzliche Arbeiterin ein.

Collage Franz Heinrich Selb Elternhaus Fabrik Porzellan Vielitzer Straße
Oben ist das Elternhaus von Franz Heinrich abgebildet, in welchem sich auch das Zimmer befand, wo alles begann. Darunter wurden die zusätzlichen Fabrik-Häuser an der Vielitzer Straße festgehalten. Und rechts posiert Franz Heinrich persönlich. │ Fotos: aus der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen von »Heinrich & Co.«, koloriert und bearbeitet; Rechte hält nun »Villeroy & Boch«

Der erste eigene Betrieb

Nachdem sich auch erste Erfolge einstellten, tat sich Heinrich 1897 mit Adolf Gräf zusammen. Das war nur ein Jahr nach dem Start. Die Firma »Heinrich & Gräf« wurde gegründet, eine Scheune unweit des Elternhauses Heinrichs gemietet und die Geschäfte angekurbelt. Schnell wurde das Hin- und Hertragen der Ware vom Ofen in die Scheune jedoch mühsam.

Für ein eigenes Grundstück und für Fertigungsgebäude fehlten den jungen Geschäftsleuten allerdings einmal mehr die notwendigen Mittel. Da Heinrichs Vater inzwischen von der Geschäftsfähigkeit seines Sohnes überzeugt war, schenkte er ihm nun auch eine freie Wiese auf seinem Gut an der Vielitzer Straße.

Mit viel Eigenleistung sowie der Hilfe von Nachbarn und Freunden, entstand dort das erste Gebäude einer später immer weiter wachsenden Fabrik. 1898 heiratete Heinrich seine Jugendfreundin Jette Krippner und zog mit ihr auf das neue Betriebsgelände.

Jette organisierte hier nicht nur ihren neuen Haushalt, sondern half auch im Betrieb, dort wo Hilfe gebraucht wurde. Sie unterstützte beim Stapeln des Porzellans, verpackte Bestellungen zum Versand, erledigte die Buchhaltung, die Lohnauszahlung und sorgte auch für das Wohl der Arbeiter in stetig steigender Anzahl.

Die beiden jungen Heinrichs führten die Firma immer am unteren Rande der schwarzen Zahlen, machten jedoch nie Schulden und behielten nur wenig für sich. Dennoch wurde schnell mehr Kapital gebraucht, um mit der Nachfrage mithalten zu können. Nachdem Heinrichs Partner Gräf sich zurückzog, sprang Wolfgang Hertel als neuer Teilhaber der Firma ein. Er und Franz ergänzten sich hervorragend. Aus »Heinrich & Gräf« wurde nun »Heinrich und Hertel«.

Rückschläge und Wachstum

Das Unternehmen wuchs immer weiter, denn die Qualität Heinrichs, der selbst immer noch auch als Maler tätig war, sprach sich herum. Im fünften Jahr der noch jungen Firma, verstarb Hertel überraschend. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts stand Heinrich nun wieder allein da, mit den Unternehmensanteilen Hertels, die er an dessen Erben auszahlen musste.

Unter Anstrengung – und auf eigene Kosten – schaffte er es seine Schulden bei der Familie Hertel zu begleichen. 1901 arbeiteten immerhin schon 50 Menschen in Heinrichs Betrieb. Er trug also entsprechend Verantwortung und Franz wurde klar, dass ein weiteres Wachstum nur noch möglich war, wenn er das bisher zugekaufte Weißporzellan selber herstellte.

Nicht nur der Preis, sondern vor allem die Qualität ließ sich so optimal steuern. Egal, wie gut das zugekaufte Porzellan war, er blieb von der Arbeit anderer Betriebe abhängig. 1902 entstand in logischer Konsequenz also der erste Brennofen für die Porzellanherstellung, samt der dazugehörigen Nebenbetriebe, auf dem Gelände in der Vielitzer Straße.

Und noch etwas war Heinrich klar – er brauchte einen neuen Geschäftspartner, der ihm finanziell aushalf. Er gewann den Kaufmann Ernst Adler aus dem benachbarten Ort Asch für seine Pläne. Adler, der aus der Industrie kam, erkannte Heinrichs Potenzial, war aber an einer aktiven Mitarbeit im Unternehmen nicht weiter interessiert, also wurde er 1903 zum stillen Teilhaber von »Heinrich & Co.«

Heinrich & Co. Selb Fabrik Porzellan Vielitzer Straße Straßenansicht
Straßenansicht der Fabrik │Foto: aus der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen, koloriert und bearbeitet; Rechte hält nun »Villeroy & Boch«

Das feine Elfenbein-Porzellan von »Heinrich & Co.«

Zu Beginn der eigenen Porzellanherstellung bezog Franz Heinrich – in erprobter Manier – die Porzellanrohmasse sowie die Glasur von einer befreundeten Selber Firma. Sein Ziel war jedoch letztlich auch die Rohstoffe in Eigenregie herzustellen. Und im Grunde zweifelte niemand daran, dass dies zeitnah auch passieren würde.

Auch damals schon kam man zudem nicht ohne gutes Fachpersonal aus. Gemeinsam mit dem Oberdreher Neupert und dem Oberbrenner Christian Gräf merzte Heinrich die ersten Kinderkrankheiten aus, die jede neue Unternehmung mit sich brachte. Die Mitarbeiterzahl stieg nun von 50 auf 80 Personen. Die Firma wuchs langsam und gesund.

Heinrich & Co. Selb Fabrik Porzellan Vielitzer Straße Rückansicht
Die Rückansicht der Fabrik │ Foto: aus der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen; Rechte hält nun »Villeroy & Boch«

Heinrich arbeitete auch weiterhin stets bei jedem Schritt mit. Er machte sich nicht nur selbst – wie seine Arbeiter – die Hände schmutzig; er saß mit ihnen gemeinsam auch sonntags beim Mittagstisch, was zu seinem Ansehen bei der Belegschaft beitrug.

Bereits 1904 waren die vorhandenen Betriebsgebäude ein mal mehr zu klein geworden. Zwei weitere Öfen, eine Massenmühle, Kraftanlage, Malerei und ein Expeditionsgebäude (für Versand und Lager) kamen hinzu. Mit einem erneuten Personalanstieg auf über 200 Mitarbeiter, wurde die Kapazität 1906 nun sogar auf fünf Brennöfen und einen neuen Kobaltofen erweitert. Nicht nur konnte inzwischen eigene Porzellanmasse hergestellt werden, auch die Vielfalt des Angebotes nahm zu.

Heinrich & Co. Selb Porzellan Teekanne Milchgießer Milchkännchen Regina
Eine Teekanne aus der Serie »Regina« aus den 1930er Jahren. │ Foto: Kannenweise

Offizielle Ehren und weitere Rückschläge

Im gleichen Jahr war »Heinrich & Co.« auf der »Großen Gewerbeausstellung in Nürnberg« vertreten. Ausgestellt wurde eine Vase seines Malermeisters Frey. Diese Vase gewann auf Anhieb die Bronze-Medaille und sollte nicht die letzte Auszeichnung für gute Qualität bleiben.

Gewerbeausstellung Nürnberg 1906
Die Hauptaustellungshalle der Nürnberger Gewerbeausstellung von 1906, digital koloriert │ Bild: public domain

Bald schon wurde der heimische Markt zu klein. Verbindungen nach Übersee wurden geknüpft und ein gut gehendes Exportgeschäft aufgebaut. Besonders die USA erwies sich als dankbarer Abnehmer des Qualitätsporzellans. Partner in Chicago war W. G. Mueller, der sich mit Franz anfreundete und 1921 zum Generalvertreter von »Heinrich & Co.« in New York werden sollte.

Doch zuvor ließ Franz seinen Schwager ziehen, der nach Jahren im Betrieb nun ebenfalls auf eigenen Beinen stehen wollte. Er und der Sohn des ehemaligen Partners Gräf übernahmen Heinrichs alte Geschäftsräume und bauten mit »Gräf & Krippner« eine eigene Porzellanfabrik auf.

Im selben Jahr geriet ein Ofen in Brand und zerstörte den Dachstuhl eines der Produktionsgebäude. Erstaunlicher Weise behinderte das Unglück die Produktion nur im geringen Maß und niemand kam dabei zu Schaden. In der Zeit zwischen 1906 und 1914 wurden immer mehr Gebäude fertiggestellt und die Produktion organisch erweitert. Sogar eine eigene Industriegleisanlage für einen besseren Transport gab es inzwischen auf dem Firmengelände.

Die Zukunft sah rosig aus, bis der Krieg Deutschland und das Unternehmen erschütterte. Heinrich fehlte es nun an Männern und an Kohle [also wörtlich, nicht im übertragenden Sinn]. Auch als wieder Frieden herrschte, stellte sich der Kohlenmangel als längerfristiges Problem heraus.

Eine Frage des Familienzusammenhaltes

Während der Kriegsjahre passte sich »Heinrich & Co.« (wie viele andere Porzellan-Unternehmen auch) an die Gegebenheiten des Krieges an. Statt feinen Geschirren verließen nun vorwiegend Hoch- und Niederspannungsisolatoren die Fabrik. Um die Kohlekrise zu überwinden, wurden 1918 die Kaolinschlämmerei der Firma »Brendel & Heim« sowie ausgedehnte Kaolingruben in Lachwitz bei Karlsbad erworben. Das Karlsbader Kaolin gehörte zum Besten der Branche.

Isolatoren Heinrich & Co. Selb Porzellan
Isolatoren│Foto: aus der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen; Rechte hält nun Villeroy & Boch

Spurlos geht ein Krieg aber an niemandem vorbei. In der Produktion fehlten Heinrich nach Ende des Krieges 36 gefallene Werksangehörige, die erst einmal ersetzt und eingearbeitet werden mussten.

1919 kamen Franz seine jüngeren Brüder Ernst und Michael im Porzellanbetrieb zur Hilfe. Michael übernahm dabei die technische Leitung. Ernst Heinrich brachte seinen Druckereibetrieb als Unternehmensanteile zu »Heinrich & Co.« und übernahm die Stelle des kaufmännischen Leiters.

Akribisch lernte er zwei Jahre lang jeden Produktionsschritt der Manufaktur und jeden ihrer Mitarbeiter kennen. Im Anschluss begann er Personalveränderungen vorzunehmen und die Mitarbeiter ihren Neigungen nach zu fördern. Anders als der umtriebige und energetische Franz, wurde Ernst als ruhig und vorausschauend beschrieben. Durch seine Personalpolitik gewann er schnell Ansehen bei den inzwischen 700 Betriebszugehörigen und konnte Franz tatsächlich mit Führungsaufgaben entlasten.

Die vor dem Krieg geknüpften, geschäftlichen Verbindungen in die USA waren in Kriegszeiten abgeebbt. Nun wurden sie wieder aufgenommen. Die Firma »Heinrich und Winterling New York« wurde als Vertriebsstandort gegründet. Auch in den skandinavischen Ländern, Holland, der Schweiz und Italien kamen weitere Absatzmärkte hinzu. Die USA blieb jedoch der wichtigste Exportmarkt. Bis 1928 gingen laut eigenen Angaben zwei Drittel der gesamten Produktion Heinrichs über den Ozean.

Soziales Engagement und ein zu frühes Ende

Als alteingesessener Selber waren Franz und Ernst Heinrich aber stets bemüht der Stadt etwas zurückzugeben – vor allem in Jahren großen Erfolgs. Für die Mitarbeiter wurden Werkswohnungen gebaut. 1921 entstand eine Kolonie mit insgesamt 26 Kleinwohnungen am Goldberg. Die dortige »Franz-Heinrich-Straße« erinnert auch heute noch an den Porzelliner.

Der neuen Staatlichen Fachschule für Keramik in Selb stellte er kostenfrei ein Grundstück zur Verfügung. Auch Kriegsveteranen wurden unterstützt, ebenso wie diverse Ortsvereine, das Rote Kreuz und das Selber Krankenhaus.

Für die Stadt selbst wurde die »Franz-Heinrich-Stiftung« ins Leben gerufen und mit Startkapital ausgestattet. Zweck der Stiftung war die Ausschüttung von günstigen Krediten an Handwerker sowie die Verschönerung der Stadt.

Am 4. März 1928 starb Franz Heinrich. In ihrer Festschrift zum 50. Jubiläum der Firma vermerkte das Unternehmen Folgendes zum Tod des Gründers: »Als der Betrieb auf vollen Touren lief und neue Pläne der Ausführung entgegenreiften, verschied Franz Heinrich plötzlich im Frühjahr 1928, kurz nach Vollendung seines 52. Lebensjahres«. Der Grund seines Todes wurde nicht erwähnt, anders als es später bei seinem Bruder der Fall sein sollte.

Der Wikipedia-Artikel zu Franz Heinrich deutet auf eine psychische Erkrankung hin. Diese Vermutung wird jedoch nicht durch eine Quelle belegt.

Krisenzeiten

1927 begann Franz‘ Sohn Adolf Heinrich nach dem Abschluss der Realschule eine Lehre im väterlichen Betrieb. Wie alle anderen Lehrlinge begann seine Arbeit in der Massemühle und er durchlief sämtliche Abteilungen ohne die Privilegien des »Unternehmersohns«. Wie sein Vater auch, musste Adolf von Beginn an anpacken und sich seine Sporen verdienen.

Der Tod seines Vaters traf ihn und das Unternehmen mitten in der Zeit der großen Depression. Zunächst übernahm Ernst Heinrich die Gesamtleitung. Er bemühte sich dabei die Linie des Hauses zu halten und engagierte neue Künstler und Mitarbeiter, die an modernen Formen arbeiteten.

1929 wurde die Nachbar-Porzellanfabrik »Gräf & Krippner« übernommen und in das Unternehmen eingegliedert. Die Firmierung aber blieb. Schon 1932 musste die Fabrik allerdings stillgelegt werden. Dennoch rettete sich »Heinrich und Co.« mittels der Vereinigung von Betriebsmitteln und Kunden durch die krisenreichen 1930er Jahre.

Ernst Heinrich war aber nicht nur an kurzfristigen Problemlösungen interessiert. Wie sein Bruder, war auch er im Aufsichtsrat des »Verbandes Deutscher Geschirrporzellanfabriken«.

Mit seinem Einsatz trug er dazu bei, dass während der Wirtschaftskrise nicht nur die eigene, sondern auch andere Manufakturen der Geschirrporzellanindustrie nicht ganz zerfielen. So waren die Heinrichs 1933 noch hoffnungsvoll. Diese Hoffnung hielt jedoch im Vorblick auf den Zweiten Weltkrieg nur sehr kurz.

Wie bereits erwähnt, setzte »Heinrich & Co.« einen großen Teil ihrer Produktion in den USA ab. Doch diese zogen sich im Vorlauf des Krieges bereits zurück. Die Absätze im Ausland versiegten.

Heinrich & Co. Selb Ernst Heinrich
Ernst Heinrich │Foto: public domain, koloriert und bearbeitet

Also war die Firma erneut gezwungen einen Richtungswechsel vorzunehmen. Die Exporttätigkeit konzentrierte sich nun auf deutsche Verbündete wie Italien, was dem Unternehmen half sich vorübergehend über Wasser zu halten.

Exkurs: Das Zeppelin-Porzellan

Apropos »über Wasser halten«! Das ist nun ein guter Zeitpunkt, um ein kleinen Exkurs zu wagen. Denn auch in den schwierigen 1930er Jahren lagen Frust und Freude dicht beieinander. Während auf der einen Seite Aufträge wegbrachen, eröffneten sich anderer Stelle auch neue, spannende Türen.

Heinrich & Co. Selb Porzellan Michael Heinrich
Michael Heinrich│Foto: public domain, koloriert und bearbeitet

Eine dieser Türen öffnete Michael Heinrich persönlich. Er las beinahe nebenbei einen Artikel in der Morgenzeitung, in welchem über den Bau des Luftschiffes »Graf Zeppelin« in Friedrichshafen berichtet wurde. Wichtiger als der eigentliche Bau war jedoch der Hinweis auf eine Küche an Bord des Luxus-Luftschiffes.

In Heinrichs Kopf begann ein Denkprozess: […] wenn eine Küche vorhanden war, wurde auch Essen serviert und für Essen brauchte man Geschirr. Ergo: der Zeppelin brauchte Geschirr von »Heinrich & Co.«!

Am gleichen Tag saß Michael Heinrich im Zug nach Friedrichshafen.

Fast in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden unterdessen auf Zuruf zu Hause in Selb neue Formen und Dekore entworfen, die der Rederei vorgestellt werden sollten. Nur zwei Tage später traf ein Heinrich-Mitarbeiter mit dem Musterkoffer in Friedrichshafen ein. Und überzeugte.

Das Luftfahrtschiff »Graf Zeppelin« wurde mit Porzellan von »Heinrich & Co.« ausgestattet. Die Manufaktur wurde im Zuge dessen sogar die alleinige Porzellan-Ausstatterin der gesamten Rederei, so auch der später verunglückten »Hindenburg«. Wenn die Zeppeline nun bei ihrer Deutschlandfahrt über Selb fuhren, pflegten sie das Werk zu grüßen, auf dessen Dach sie gleichfalls Grüße mit aus Tellern gelegten Buchstaben vorfanden. Eine fruchtbare – aber leider nur kurze – Partnerschaft nahm ihren Lauf.

Zeppelin Graf Zeppelin Senta-Nora Bordgeschirr Bordporzellan Heinrich & Co. gedeckter Tisch
Hier ist das Geschirr auf der Form Senta-Nora zu sehen, wie es auch auf der Graf Zeppelin zu finden war. Foto: Zeppelin Dining Room von kitchener.lord under CC BY-NC 2.0

Wer hoch hinauf fährt, kann auch tief fallen

Das Geschirr der Heinrichs gefiel auch den Reisenden. In einem Brief an »Heinrich & Co.« brachten Dr. Eckener und Dr. Dürr (beide Passagiere der LZ129 Hindenburg) ihre Freude so zum Ausdruck: »Formgebung und Farbenharmonie machen jedes einzelne Stück des Services zu einem nicht alltäglichen Schmuckstück.« [Recht hatten sie!]

Auch heute kann man – sofern einem die Stücke gefallen – diesen Eindruck mit eigenen Augen bestätigen, denn erstaunlicher Weise gibt es noch immer Original-Teile des Porzellans. Wie allseits bekannt ist, stürzte die Hindenburg – das bis dato modernste, luxuriöseste und größte Luftschiff der Welt – am 6. Mai 1937 über dem amerikanischen Lakehurst ab.

So gut wie alles brannte aus, nachdem sich die Wasserstofffüllung des Zeppelins entzündet hatte. 35 der 97 Menschen an Bord und ein Mitglied der Bodencrew kamen bei diesem Unglück ums Leben. Dass überhaupt irgendetwas aus den Trümmern gerettet werden konnte, grenzte an ein Wunder.

Insgesamt 63 Teile des Bordporzellans blieben jedoch unversehrt und finden sich zum Teil in Museen und in privaten Sammlungen wieder. Was für »Villeroy & Boch« etwa eine Dekade früher die Ausstattung der »Titanic« war, war für Heinrich nun die »Hindenburg« geworden. Die Unternehmen, die einige Parallelen verbanden, sollten sich später noch begegnen.

Zeppelin Porzellan Heinrich & Co. Senta Senta-Nora Cora
Das Zeppelin-Porzellan gab es je nach Luftschiff auf unterschiedlichen Heinrich-Formen. │ Collage: Kannenweise

War, once more.

Nicht nur das abgestürzte Flugschiff hatte zu Verlusten von Menschenleben geführt. Die Folgejahre waren gezeichnet von Krieg und Leid. Wieder wurden auch die Arbeiter der Porzellanfabrik in den Kriegsdienst berufen. Wieder kehrten Sechsunddreißig von ihnen nicht zurück.

Wie alle Industriefabriken des Landes musste auch Heinrich einen Weg finden die Produktion an die widrigen Kriegsbedingungen anzupassen. Die Geschirrproduktion wurde so weit wie möglich zurückgefahren. Feines Porzellan und detailreiche Dekore waren in dieser Zeit nicht mehr gefragt. Die Bevölkerung bangte um ihr Leben.

Adolf Heinrich Heinrich & Co. Porzellan
Adolf Heinrich, koloriert und bearbeitet Foto: aus dem Magazin Das Wirtschaftsinterview; Rechte »Verlag Georg Kunz GmbH« (bzw. deren Nachfolge)

Im Sommer 1942 starb zudem Ernst Heinrich an einer nicht auskurierten Lungenentzündung. Die Unternehmensleitung ging kurzzeitig an den Prokuristen Ottmar Poller über. Allerdings stand es auch um seine Gesundheit nicht zum Besten.

Der vom Militärdienst freigestellte Adolf Heinrich übernahm in Folge die Position. Auch sein Cousin Franz – der älteste Sohn Ernst Heinrichs – half dem Familienbetrieb als Techniker wieder auf die Beine. Ergänzt wurde das Duo um den jungen Diplomkaufmann Dieter Jäger.

1944 konnte Heinrich kurz vor Ende des Krieges noch einen Auftrag der Regierung zur Kriegsproduktion abwimmeln und schaffte es so den Betrieb weitestgehend aufrechtzuerhalten. Nach Kriegsende war er 1945 der erste bayrische Porzellanhersteller, der seine Produktion vollständig wieder aufnehmen durfte und konnte.

Allerdings unter Anstrengungen. So war (wie schon nach dem Ersten Weltkrieg) die Kohle wieder einmal knapp geworden. Dieses Mal schaffte ein Kohlen-Kompensationsgeschäft mit der ehemaligen Tschechoslowakei die nötige Abhilfe.

50 Jahre and going – Kunst und Gemmo

Am 27. November 1946 feierte »Heinrich & Co.« allen Kriegsfolgen zum Trotz 50-Jähriges Jubiläum mit einem großen Fest unter Anwesenheit von Presse und sämtlicher Amtsträger der Stadt Selb. Langsam ging es wieder in alter Stärke zurück an die Öfen. Im Herbst 1947 wurde die ehemalige bayrische Funkerschule der Wehrmacht umgebaut. In dem Naturschutzgebiet Seethal in Übersee (in der Nähe des Chiemsees) entstand stattdessen die Kunstabteilung der Porzellanfabrik.

Übersee Chiemsee Heinrich Dekor Vogel Kunstabteilung Heinrich & Co.
Symbolbild mit Gebäuden aus Übersee am Chiemsee und dem hinzugefügten Vogel eines Heinrich-Dekors aus der Kunstabteilung │ Foto: tj.rade under CC BY-ND 2.0, Abbildung Vogel: Kannenweise

Die Leitung von insgesamt neun Porzellanmalern übernahm der Künstler Karl Mötsch. Form-Modelle des Stammhauses wurden hier aufwändig per Hand dekoriert. Einige der schönsten Dekore der Firma feierten ihren Ursprung in Übersee. Neben der Handmalerei, wurde 1948 unter Mötsch auch das patentierte Gemmo-Porzellan entwickelt. Hinter dem Clou mit dem geheimnisvollen Namen, welcher nur bei »Heinrich & Co.« zu finden war, verbarg sich ein Kunstschliff.

Dabei wurden aus der Porzellanform Muster konkav heraus geschliffen, die anschließend kunstvoll dekoriert wurden. Das gab dem Stück eine ganz neue Dekortiefe und ein außergewöhnliches plastisches Gefühl. Eine Innovation seinerzeit, die nur manuell ausgeführt werden konnte. [Ich bin großer Fan des Gemmo-Porzellans!]

Heinrich & Co. Gemmo-Porzellan Deckeldose Schmuckdose Kunstschliff
Eine Deckel-Dose aus den 1950er Jahren mit dem Gemmo-Schliff │ Foto: Kannenweise

Die »Anmut« des Karl Leutner

Neben Karl Mötsch spielte auch sein Namensvetter Karl Leutner eine wichtige Rolle in der Geschichte des Unternehmens. 1949 entwickelte er eine Form, die bis heute noch nachgekauft werden kann: »Anmut«! [Meine allerliebste Teekannenform überhaupt].

In einem Gespräch mit dem Magazin »Das Wirtschafts-Interview« hatte Geschäftsführer Adolf Heinrich schon fast prophetisch erklärt, dass diese Form immer schön und modern bleiben wird. Nur logisch also, dass die Firma schon früh Einzelstücke des Services anbot – von der Butterdose bis zur Vase. Es gab unzählige Teile, die sich nachkaufen ließen. Dazu wurde die Form mit zahlreichen Dekoren verkauft.

Anmut Goldene Medaille Tee-Service Teekanne Zuckerdose Butterdose Teetasse Milchgießer Milchkännchen Dekor Sommer Heinrich & Co. Selb
Teile eines »Anmut«-Services │ Foto: Kannenweise

Heinrich erkannte recht früh, dass die Mode sich wandelte, und dass sich der Bedarf vom vollständigen Service zu Einzel-Zusammenstellungen ganz nach Bedarf des Haushaltes entwickelte. Der Erfolg dieser speziellen Form gab ihm letztlich Recht. Sie wurde ein Dauerbrenner. Initialzündung war der Sieg bei der Design-Ausstellung »Triennale di Milano«.

Die Ausstellung konzentrierte sich zu Beginn in den 1920er Jahren noch stark auf Architektur und industrielles Design. Mit den Jahren und steigender Popularität erweiterten sich die Teilnahmefelder und berücksichtigten immer mehr künstlerische Aspekte und auch Design im Bereich Konsumgüter. Heinrich trat in der Deutschen Abteilung der »9. Triennale di Milano« an, die unter das Motto »Waren« gestellt war.

»Anmut« gewann hier 1951 die einzige Medaille, die im Bereich Gebrauchs-Porzellan vergeben wurde: die Goldmedaille. Ein Sieg für die Firma und Bestätigung für Karl Leutner, der zu dieser Zeit auch die Fachschule für Porzellan in Selb leitete.

Triennale di Milano
Fotos: Das Ausstellungsgebäude von Ernst Scheidegger (links) und das Werbeplakat der 9. Triennale beide via Archiv der Triennale
Heinrich & Co. Selb Porzellan Teekanne Tee-Gedeck Madame Rothenburg
Leutners Form »Madame« mit dem Dekor »Rothenburg« │ Foto: Kannenweise

Heinrichs 1960er und 1970er Jahre

Die Geschäfte der Fabrik liefen also gut – mehr als gut sogar. Zusammen mit den Selber Nachbarn »Rosenthal« und »Hutschenreuther« bildete »Heinrich & Co.« zu dieser Zeit etwa die Hälfte der gesamten Porzellanproduktion Deutschlands. Das Unternehmen war aus einem Zimmer im Haus der Eltern zu einer der bedeutendsten Manufakturen gewachsen und das innerhalb weniger Jahrzehnte.

Neben dem alltäglichen Kunden, waren auch namhafte Liebhaber des Porzellans unter den Abnehmern. So wurden zahlreiche, hochpreisige Hotels ausgestattet oder auch die Jacht des griechischen Tankerkönigs Onassis. Eine besondere Ehre wurde der Manufaktur bei einer Audienz von Papst Johannes XXIII. zuteil. Der Papst empfing Adolf Heinrich, der ihm Tafel-, Kaffee-, Mokka- und Frühstücksservice der Form »Anmut« überbrachte. Die Gedecke waren sowohl zum persönlichen Gebrauch, als auch für offizielle Empfänge gedacht. Sie wurden mit den Insignien des Papstes in Gold und Platin geschmückt, ergänzt um ein Dekor in Rot und Grün.

Porzellan Dekor Papst Anmut Heinrich & Co.
Hier wurde festgehalten, wie eine Kaffeekanne aus der Serie »Anmut« für den Papst dekoriert wird │Foto: »Bundesarchiv, B 145 Bild-F006623-0028« under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

1970 wurde aus »Heinrich & Co.« eine GmbH. Es entstanden weiterhin neue Formen, die über das Standard-Design hinausgingen. Siehe zum Beispiel das Service »Onda«, welches eine ungewöhnliche und individuelle Linie zeigte.

Heinrich & Co. Selb Porzellan Teekanne Rondo Onda
»Onda« und »Rondo«. Zwei typische Formen aus den 1970er Jahren │ Foto: Kannenweise

Vielleicht läutete der große Erfolg paradoxer Weise letztlich auch den Beginn des Zerfalls des Unternehmens ein. Möglicherweise waren es aber auch unternehmerische Fehlentscheidungen, welche zu einer finanziellen Notlage führten und dadurch die Tore für Investoren öffneten, die nicht unbedingt den Geist Franz Heinrichs weiterführen wollten […]

Exkurs: Die Zeit der »Porzellankultur« 1970 – 1974 oder …

Etwas treibt mich in den 1970er Jahren der Unternehmensgeschichte um: Ich besitze zwei Teekannen mit einer Bataillon an ungewöhnlichen Bodenmarken. Zum einen findet sich darauf »Heinrich Porzellankultur«. Darunter dann der Hinweis auf die Form und die Genehmigung der Porzellanmanufaktur »Höchst«.

Ganz offensichtlich haben die beiden Traditionshersteller hier zusammengearbeitet. Aber wie kam es zu dieser Vereinigung? Und was genau hatte es damit auf sich? Eine abschließende Antwort habe ich auf diese Fragen leider nicht gefunden. Dieser spezifische Heinrich-Stempel wurde jedenfalls [wahrscheinlich] nur in den Jahren 1972 bis 1974 verwendet. Das zuletzt erwähnte »Onda«-Service trägt ihn beispielsweise auch, aber nicht ausschließlich.

Ansonsten findet man ihn aber überwiegend auf Teilen mit der zusätzlichen Genehmigung der Höchster Porzellanfabrik. Dabei handelt es sich sowohl um Formen, als auch um die Dekore, klassischer Höchst-Service. Ein Beispiel wäre die Form »Residenz«. Das ist eine geriffelte Form mit überwiegend nordischen und Blumen-Dekoren. Ein anderes Beispiel wäre die Form »Classica«, die hauptsächlich floral dekoriert wurde.

Heinrich & Co. Selb Porzellan Teekanne Residenz Classic
Die Teekannen von Höchst, die Heinrich in den 1970er Jahren herstellte. Links sieht man die Form »Residenz«, rechts die Form »Classic« │ Foto: Kannenweise

… wenn Banken versuchen Manufakturen zu führen

Soweit so gut. Aber weshalb produzierte »Höchst« die Teile nicht selbst? Und wieso griff »Heinrich« hier auf fremde Formen zurück, wo das Unternehmen doch ausgezeichnete eigene Formdesigner besaß? Was sich mir also nicht auf Anhieb erschließt ist: Wer hatte hier wem geholfen?

Und an dieser Stelle muss ich etwas vorgreifen. Es gab etwas, was beide Unternehmen zu dieser Zeit einte. Sie standen zu Beginn der 1970er Jahre unter der Führung von Banken, beziehungsweise Investoren. »Heinrich« wurde 1972 durch die britische Bankengruppe »Slater Walker Group« gekapert (mehr dazu im folgenden Kapitel). »Höchst« unterstand seit 1965 den »Farbwerken Höchst« sowie dem Frankfurter Bankhaus »Koch, Lauteren & Co.«. Bereits 1974 beziehungsweise 1976 wechselten die alteingesessenen Manufakturen wiederum in neue Investorenhände.

Möglicherweise profitierten also sowohl Heinrich, als auch Höchst von der Zusammenarbeit, hatten sie doch beide damit zu kämpfen von Menschen geleitet zu werden, die die Unternehmen lediglich als Investition im Portfolio führten und recht wenig von traditioneller Porzellankunst verstanden. Vielleicht profitierten hier aber auch hauptsächlich die Investoren selbst, die »neue« Produkte auf den Markt brachten – ohne die sonst so hohen Entwicklungskosten für neue Formen zu erbringen. Oder eben im Fall von Höchst leichtverdiente Tantiemen als zusätzliche Einnahmequelle.

Innovationen kosten Geld und stellen ein Unternehmensrisiko dar. Das war damals so und gilt auch heute noch. Eine neue Form muss zunächst entworfen und gebaut werden. Diese durchläuft anschließend zahlreiche Testbrände, bis sie produktionsfähig ist. Neue Produktionsabläufe und Werbekampagnen werden notwendig und dann bleibt immer noch das Risiko, dass der Markt die Innovation ablehnt. In schwierigen Zeiten wird daher häufig auf Altbewährtes zurückgegriffen.

So schön ich die klassischen Formen teilweise finde, mit Innovation oder der früheren Pionierarbeit beider Unternehmen hatte diese Serie wenig zu tun.

Übernahme durch die englischen Heuschrecken

Nur drei Jahre nach der Umfirmierung in eine GmbH geriet die Selber Fabrik also in die Hände einer sogenannten »Heuschrecke« – der britischen »Slater Walker Group«.

Dieses Unternehmen war ein Konglomerat aus Investoren und Banken, das sich darauf spezialisiert hatte sich die Mehrheit eines erfolgreichen Unternehmens anzueignen und dieses dann entweder in Einzelteile zu zerschlagen oder mit Gewinn weiter zu veräußern. Häufig geschah die Übernahme gegen den Willen des bisherigen Managements, zum Beispiel indem das betroffene Unternehmen Kredite bei der »Slater Walker Group« aufnahm. Diese Art der feindlichen Übernahme war für die 1970er und 1980er Jahre recht typisch.

Alternativ bauten die neuen Anteilseigner nach der Übernahme öffentlichen Druck auf, was entweder zum Abtreten der bisherigen Führung oder zur Umsetzung der geforderten Unternehmensstrategie führen sollte. Und diese Strategie lief stets auf Gewinnmaximierung durch Kostenreduzierung hinaus. Mitunter werden in solchen Fällen auch Finanzbeteiligungen des betroffenen Unternehmens, Anlagen, Schutzrechte (Marken, Patente etc.) oder Immobilien verkauft, um an flüssige Mittel zu gelangen. [!]

Auch im Fall von Heinrich warteten die neuen Eigentümer nicht lange, um weniger umsatzstarke Abteilungen zu liquidieren. So wurde unter dem neuen Management noch im gleichen Jahr zum Beispiel die Kunstabteilung am Chiemsee geschlossen. [Mit Masse ließ sich vermutlich mehr Umsatz generieren, als mit Kunst].

»Slater Walker« geriet jedoch schon 1974 selbst in finanzielle Schwierigkeiten. Unfähig die eigenen Schulden auszugleichen, musste während der Bankenkrise dieser Zeit die »Bank of England« eingreifen, was in der Absetzung einer der Gründer mündete. 1976 verantwortete sich der übrig gebliebene Slater wegen Verletzung des »Corporate Acts« in fünfzehn Fällen. Später wurde er auch entsprechend verurteilt.

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Heinrich und die Bowater Group

Und die »Heinrich Porzellan GmbH« musste in Folge erneut die Besitzer wechseln. Die (ebenfalls) britische »Bowater PLC« ergriff die Gunst der Stunde und kaufte sich über die sinkende »Slater Walker Group« bei Heinrich ein. Eigentlich hatte Bowater nichts mit Porzellan am Hut.

Das Kerngeschäft der Briten war seit ihrer Gründung 1910 Papier und Zeitung. Später erweiterten sie ihr Portfolio auf Bauelemente. In diesen Gebieten war das Familienunternehmen zu einer bemerkenswerten Größe aufgestiegen und unterhielt diverse Ableger in den USA und Europa. Bis zu diesem Zeitpunkt war Bowater aber auch schon dafür bekannt kleinere Unternehmen der Papierbranche weltweit zu akquirieren und auf diese Weise zu wachsen.

In den 1970er Jahren verfolgte der Großaktionär nun die Strategie der Diversifikation. Das Ziel bestand also darin auf unterschiedlichen, mitunter auch branchenfremden, Standbeinen mehr Stabilität zu erreichen, denn auch Bowater war von der Bankenkrise hart getroffen. In dieser Zeit sammelte die Firma daher Unternehmen als Investitionsanlage – unter anderem in Deutschland.

So wurde beispielsweise eine deutsche Lederfirma in Bergisch Gladbach erworben und deren Schwerpunkt auf das Bauen von Kunststofffenstern verlegt. Und auch die »Heinrich Porzellan GmbH« schmückte für kurze Zeit das Unternehmensportfolio von Bowater. Glücklicherweise wurde in diesem Fall der Produktionsschwerpunkt nicht gleich geändert. Heinrich stellte in Selb noch immer Porzellan her.

1976 stieß die »Bowater PLC« die Porzellanmanufaktur jedoch wieder ab. Der Keramikriese »Villeroy & Boch« hatte ein Auge auf den einst so erfolgreichen Porzellanhersteller geworfen. [Ein Glück! Aber das ist nur meine persönliche Meinung.]

Symbolbild Vogel Heinrich & Co. Selb
Symbolbild ergänzt um den Vogel eines Heinrich-Dekors. │ Foto: Kelly Sikkema via unsplash, Abbildung Vogel: Kannenweise

Unter Villeroy & Boch

Diesen Namen kennen wir schon: »Villeroy & Boch« ist ein Unternehmen, das bis heute in Familienhand liegt und vor allem an Heinrich als Firma interessiert war, weil diese ihr eigenes Portfolio um die Herstellung von hochwertigem Porzellan ergänzen konnten. Die »Heinrich Porzellan GmbH« brachte schließlich entsprechende Erfahrung und Ressourcen in die neue Verkaufsorganisation mit.

Da »V&B« weder an einer Demontage noch an einem reinen Investitionsobjekt interessiert war, griff sie auch nicht schmerzhaft in die Produktion der Porzellanmanufaktur ein. Alte Bekannte – wie Adolf Mötsch (der Sohn des ehemaligen Kunstabteilungs-Leiters Karl Mötsch) – blieben dem Unternehmen weiterhin erhalten. So übernahm dieser die Lehrlingsausbildung und trug bis zu seinem Ausscheiden 1994 wesentlich zum Produktdesign bei.

Heinrich & Co. Selb Porzellan Aschenbecher Firmenlogo Villeroy & Boch
Aschenbecher mit Firmenlogo unter »Villeroy & Boch« │ Foto: Kannenweise

Auch die Marke »Heinrich« blieb bestehen. Lediglich der Zusatz »Villeroy & Boch« wurde ergänzt. 1980 startete in Selb unter der Leitung von »V&B« die Fertigung von wertvollem »Bone China«. Damit ging das Unternehmen einmal mehr in Pionierleistung innerhalb Deutschlands. Bisher kannte man in Europa »Bone China« nämlich nur aus Großbritannien.

Und das geschah durchaus erfolgreich; so erfolgreich, dass es aus dem Werk in Selb nun ausschließlich Knochenporzellan gab. Es entstanden zahlreiche neue Formen und Service, in bester Qualität und unter Mitwirkung von namhaften Designern, wie beispielsweise Wolfgang Joop oder Paloma Picasso. Die Zukunft war (zumindest für das bevorstehende Jahrzehnt) gesichert.

Heinrich & Co. Selb Porzellan Teekanne Wolfgang Joop Blue Elegance
Teekanne »Blue Elegance« aus Bone-China nach einem Entwurf von Wolfgang Joop │ Foto: Kannenweise

Heinrichs Sammelteller

Erwähnenswert sind an dieser Stelle noch die limitierten und sequentiellen Sammelteller. In diesem Gebiet war »Villeroy & Boch« bereits vor der Akquise von »Heinrich« aktiv. In Selb wurden bisher zwar auch dekorative Teller hergestellt; diese wurden bisher aber nicht als limitierte Serien vertrieben. Seit Ende der 1970er bis in die frühen 1990er Jahre entstanden nun unter der Marke »Heinrich« neue Serien zum Sammeln.

Thematisch wurde hier jedes Sammlerherz angesprochen: von Tieren, über Märchen oder auch Motiven für Hilfsorganisationen, bis hin zu speziell kreierten kleinen Kunstwerken, war alles dabei. Den meisten werden wohl die Teller in Zusammenarbeit mit der UNICEF bekannt sein. Insgesamt zwölf Motive entwarf die Künstlerin Karin Blume, die im jährlichen Rhythmus auf »Heinrich«-Tellern dekoriert wurden. Ein Teil der Einnahmen ging dabei an UNICEF. Ähnliche Aktionen gab es auch mit Tieren für den WWF und Kinder- und Landschaftsmotiven für die Krebshilfe.

Parallel wurden auch breitere Themen bedient, zum Beispiel die »Weihnachtsgeschichte« mit Bildern von Ernst Bruzek. Diese Serie mit insgesamt sechs Tellern erschien in den Jahren 1979 bis 1980.

Längere Serien waren »Französische Märchen« oder »Russische Märchen«. Die letzteren wurden beispielsweise in auffällig bunten und kunstvollen Zeichnungen des Künstlers Boris Zvorykin umgesetzt. Verspielte Blumenkinder-Bilder gab es von der amerikanischen Künstlerin Cicely M. Barker.

Sammelteller Heinrich & Co. Selb Porzellan
Motive von Cicely M. Barker (links) und Boris Zvorykin (rechts), wie sie auf Sammeltellern von Heinrich unter »Villeroy & Boch« zu finden waren, sowie beispielhafte Serien│Bilder: ZVORYKIN Boris Vasilievich (1872-1942)-‚Maria Morevna‘-c1930s under CC BY-NC-SA 2.0. / The Red Clover Fairy under CC BY-NC 2.0 / Collage: Kannenweise

Heinrichs 1990er und ein leiser Abschied

In den 1990er Jahren begannen sich bereits viele Porzellanmanufakturen abzustrampeln, auch in Selb. Nicht nur änderte sich das Kaufverhalten der Konsumenten (Stichwort: weniger Komplett-Service für zwölf Personen, mehr Einzelteile und IKEA), auch begann hier bereits das Sterben der Fachhändler. Günstiges Porzellan aus China flutete den Markt. Wir kennen die Geschichte. So – oder so ähnlich – werden wir sie bei jeder Porzellanmanufaktur wiederfinden.

Mit »Villeroy & Boch« hatte Heinrich zwar eine starke Marke im Hintergrund, aber auch die war nicht unantastbar. Schon in der ersten Hälfte des Jahrzehnts baute »Villeroy & Boch« das Portfolio um, positionierte sich neu. Zahlreiche Zweige wurden abgestoßen. 1998 feierte der Mutterkonzern sein 250. Jubiläum. Nur ein Jahr später – 1999 also – blieben die Öfen im Selber Werk kalt.

Die Produktion in der Vielitzer Straße wurde nach 96 Jahren beinahe sang und klanglos eingestellt, oder wie es von Unternehmensseite aus hieß: auslaufen gelassen. [Die Firma ist übrigens noch immer aktiv im Handelsregister vermerkt]. Die Marken und Formen übernahm  »V&B«. Das Grundstück unterlief einem sukzessiven Umbau.

Recht zügig (2001) entstand in den ehemaligen Fabrikgebäuden ein Einkaufscenter. Darunter war auch »V&B« selbst mit einem Shop vertreten. Da lief es noch unter dem Namen »Factory In«, aber es gab bereits ambitioniertere Pläne – nämlich die eines großen Outlets.

Selb Outlet-Center Baustelle
Die Baustelle des Selber Outlet-Centers mit dem denkmalgeschützten Kopfgebäude und dem größeren Ofenrohr der einstigen Heinrich-Fabrik │ Foto: Jonas Jackwerth bereitgestellt von M Objekt Selb GmbH & Co. KG
Selb Outlet-Center
Das Innenleben des neuen Outlet-Centers. Am Kopf des Gangs ist der Shop von Villeroy & Boch zu sehen │Foto: Florian Miedl Fotografie bereitgestellt von M Objekt Selb GmbH & Co. KG

2018 begann schließlich der großflächige Umbau. Ein Jahr später wurde die gesamte Porzellanfabrik abgerissen – mit Ausnahme der Ofenhalle und dem größten Schornstein des Werks sowie des Kopfgebäudes, welche unter Denkmalschutz stehen. Ein wenig »Heinrich« lässt sich in Selb also noch finden. Im Outlet, und auch in der Franz-Heinrich-Straße, wo die alte Fabrikantenvilla steht. Auch wenn in der Villa nun mehrere Parteien in Wohnungen leben, statt einem arbeitswütigen Franz.

Fabrikantenvilla Heinrich & Co. Selb Franz-Heinrich-Straße
Die alte Fabrikanten-Villa in der Franz-Heinrich-Straße in Selb│Foto: Flodur63 (bearbeitet) via Wikimedia Commons under CC BY-SA 4.0

Und ein Stück »Heinrich« wird für immer einen Platz in meinem Herzen haben – und bisher auch in dem von »Villeroy &Boch«: die preisgekrönte Teekanne von 1949 mit dem perfekt vergebenen Namen: »Anmut«!

Bodenmarken

Heinrich & Co. Selb Porzellan Bodenmarken Karte
Collage: Kannenweise

Quellen:

Bildnachweise (falls nicht in Bildunterschrift vermerkt):
Beitragsbild: Vase nach dem Entwurf von Karl Leutner, ergänzt um Werbelogo der 1950er Jahre, Foto: Kannenweise

Dekoration:
Paradiesvögel nach einem Dekor der Porzellanfabrik Heinrich & Co., gezeichnet von Kannenweise

Literatur:
Buch, »Porzellanfabrik Heinrich & Co. Selb in Bayern«, Gedenkschrift zum 25jährigen Bestehen der Porzellanfabrik Heinrich & Co. Selb in Bayern, J. C. F. Pickenhahn & Sohn, Chemnitz

Buch, »1896 – 1946«, Gedenkschrift zum 50jährigen Bestehen, Kurt und Marianne Piepenstock, Unterhaching bei München, Bruckmann KG, München

Magazin, »Das Wirtschafts-Interview mit Adolf Heinrich«, Folg 1, Wirtscahft 537, Verlag Georg Kunz GmbH, Frankfurt a. M.

Web:
Homepage North West Museum, Seite Heinrich & Co., Stand 08.04.2022
Homepage Porzellan Selb, Artikel Franz Heinrich, Stand 08.04.2022
Homepage Porzellan Selb, Artikel Zeppelin-Porzellan, Stand 08.04.2022
Homepage Spiegel.de, Artikel Johannes XXIII., Stand 08.04.2022
Homepage Encyclopedia.com, Artikel Bowater PLC, Stand 08.04.2022
Homepage Outlet-Center Selb, Bereich Information/Service, Stand 08.04.2022
Wikipedia, Artikel Franz Heinrich, Stand 08.04.2022
Wikipedia, Artikel Höchster Porzellanmanufaktur, Stand 08.04.2022
Wikipedia (EN), Artikel Triennal Milan, Stand 08.04.2022
Wikipedia (EN), Artikel Triennal Milan IX, Stand 08.04.2022
Wikipedia (EN), Artikel LZ 129, Stand 08.04.2022
Wikipedia (EN), Artikel Corporate Raid, Stand 08.04.2022
Wikipedia (EN), Artikel Slater Walker, Stand 08.04.2022

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