Tischkultur Königlich Tettau Teekanne
Heilige Kanne, Königlich privilegiert Tettau, Spilling Tea

Das Tee-Service meiner Oma

Wie wir in den Besitz unseres ersten Deutschen Porzellans kamen

Meine Großmutter väterlicherseits lebte bereits seit über zwanzig Jahren in Deutschland, als meine Familie nachkam. Sie gab uns sozusagen »Starthilfe«. In der ersten Zeit durften wir nämlich an ihrem Nierentisch Tee trinken und bei ihr wohnen. Die Stadtwohnung, im achten Stock eines Hochhaus-Komplexes, teilten wir uns allerdings nur kurz. Oma Helene zog recht bald in ein Eigenheim, etwa dreißig Kilometer weiter aufs Land. [Das war übrigens geplant. Sie tat das nicht, um von uns wegzukommen.]

Die Wohnung hatte, auch nach ihrem Auszug, weiterhin Omas Handschrift beibehalten. Etwa zwei Jahre lang fanden wir dort ein Zuhause. Und in all der Zeit saßen wir auf ihrem olivgrünen Samt-Sofa. Wir blickten auf den zurückgelassenen, recht mittelmäßigen, gerahmten Druck eines Sonnenuntergangs. Meine Mutter dekorierte mit Omas Häkeldeckchen und Kunstblumen, während mein Bruder auf Oma Helenes Schrankbett aus den 1960er Jahren schlief.

Großmutters Küchenschränke

Wie Teile ihrer Einrichtung, überließ uns Helene auch einiges aus ihrer Küchenausstattung. Ich kann leider nicht mehr viel zur Geschichte der einzelnen Gegenstände in ihrem Besitz erzählen. Leider war sie nicht gerade eine begnadete Geschichtenerzählerin. Generell habe ich Oma als einen eher verschlossenen und ruhigen Menschen in Erinnerung behalten. Die meisten Dinge in ihrer Küche waren jedenfalls eindeutig zum Gebrauch gedacht – nicht für die Vitrine.

Im Küchenschrank fand sich daher ein Sammelsurium aus Kaufhaus-Geschirr und Einzelteilen, die aus Sozialkaufhäusern zusammengetragen wurden. Aber dann war da noch das »gute« Tee- bzw. Kaffeeporzellan. Wir hatten nicht viel zu der Zeit, und auch nicht genug, um eine gesamte Wohnung auszustatten. Oma Helene half uns auch hier und überließ meinem Vater das Porzellan.

Teetasse Tettauer Scherbe dünnes Porzellan lichtdurchlässig

Doch nicht mein Vater hatte es ins Herz geschlossen, sondern ich. Schon als Kind benutzte ich am liebsten die Teetassen aus dem hauchdünnen Porzellan – um daraus [den heute verschmähten] Instant-Tee zu schlürfen. Fasziniert hielt ich die Tassen immer wieder gegen das Licht, um zu sehen wie es durchschien.

Die Scherbenfarbe war »elfenbein«, was seinerzeit ungeheuer elegant auf mich wirkte. Es kam mir aparter vor, als das Weiß unseres Alltags-Geschirrs. Am Tassenrand erhob sich ein Relief aus Waben und Ranken. Ich fuhr mit dem Finger darüber und genoss die kühle Glätte des Materials.

Wie wir das Porzellan dezimierten.

Nach einer Zeit der Entbehrungen und einem sehr sparsamen Leben, erarbeiteten sich meine Eltern ebenfalls ein Eigenheim. Das steht übrigens auf der gleichen Straße, wie das Haus meiner Großmutter.

Mein Vater ist ein »Learning-by-doing«-Handwerker mit einem Supertalent zur Improvisation. Er hatte es geschafft sich Maurern, Fliesenlegen, Wände verputzen, Dachdecken und Tapezieren selbst beizubringen. Mit der Hilfe meiner restlichen Familie, hatten wir es geschafft in anderthalb Jahren ein eigenes Haus zu bauen. Ich bewundere ihn auch heute sehr für dieses handwerkliche Geschick. Leider hat sich dieses Talent nicht auf mich übertragen. Ich hatte als Kind in dieser Zeit auch mehr im Weg herumgestanden, als wirklich hilfreich zu sein.

Nach Feierabend wurde selbstverständlich auch auf der Baustelle gegessen und Tee getrunken. Aus einem irrationalen Grund heraus, hatten meine Eltern auch das »gute« Tee-Service meiner Oma dabei. Auf einer Baustelle! Wenn ich meine Eltern heute darauf anspreche, zucken die nur mit den Schultern und sagen: »Wir wussten es ja nicht besser. Das war einfach unser Geschirr.«

Erneuter Besitzübergang … auf mich!

Damals jedenfalls hatte auch ich mir nichts weiter dabei gedacht. Allerdings hatte sich – zum Einzug in das fertige Haus – das Geschirr deutlich dezimiert. Zum Zeitpunkt meines eigenen Umzugs in die erste eigene Wohnung belief sich die traurige Rest-Bilanz auf: 3 Teetassen, 4 Untertassen, 3 Kuchenteller, eine deckellose Zuckerdose, ein Milchkännchen und eine Kaffeekanne. Dabei war es einst ein vollständiges Service für zwölf Personen gewesen.

Jetzt blutete mein Herz, denn ich habe das Porzellan noch immer geliebt. Beim Zusammenstellen von allem Nötigen für meinen eigenen Haushalt, ließ meine Mutter mich die Reste des Porzellans mitnehmen.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich von dem Gedanken besessen wurde, das Porzellan wieder zu vervollständigen. Ebay hatte gerade begonnen als Plattform für Gebrauchtes Fahrt aufzunehmen, aber ich wusste nicht so recht, wonach genau ich suchen sollte. Schließlich hatte ich keinen blassen Schimmer von Porzellan. Mir sagte weder die Marke etwas, noch konnte ich sagen, um welche Form es sich handelte.

Drei, zwei, eins … leider nicht meins!

Anhand der Bodenmarke ließ sich immerhin recht schnell herausfinden, dass es sich bei der Manufaktur um die »Königlich privilegierte Porzellanfabrik Tettau« handelte. Frohen Mutes – und mit reichlich Naivität – schrieb ich die Manufaktur an. Damals geschah das noch per Post, später noch einmal per Email. Auf meinen Brief war nämlich nie eine Antwort gekommen. Ich war jedoch entschlossen herauszufinden, wie das Porzellan hieß, um besser danach suchen zu können.

Was die Naivität betrifft, die bezog sich auf die Tatsache, dass ich hoffte die Porzellanfabrik hätte irgendwo im Lager noch Restbestände, die sie mir verkaufen könnten. Inzwischen weiß ich, dass eine Porzellanmanufaktur hunderte verschiedene Serien mit diversen Dekoren entwickelt. Je älter der Produzent ist, desto mehr Serien gibt es.

Einige Manufakturen – wie auch »Königl. pr. Tettau« – bestehen seit dem 18. Jahrhundert (um bei der Tettauer Fabrik genau zu sein: seit Dezember 1794). Leider war Oma Helenes Porzellan in der Geschichte der ältesten, (damals) noch produzierenden Manufaktur Bayerns nicht bedeutend genug. Es gab also keinen Lagerbestand meines Porzellans. Und, es war ein zeitgemäßes Geschirr, das eben irgendwann aus der Mode gekommen war. Die Produktion der Serie wurde entsprechend eingestellt, als die Mode sich wandelte.

Auf die Form kommt es an

Wenn eine Manufaktur eine klassische Form entwickelt, kommt es durchaus vor, dass die Serie auch gegenwärtig noch hergestellt wird. Besonders bei hochwertigen Produzenten ist das der Fall. Sie arbeiten recht häufig mit namhaften Formgestaltern und Designern. Sodass die Nachfrage und das Interesse an der Form bestehen bleibt.

KPM Berlin beispielsweise bietet einen lebenslangen Nachkauf für bestimmte Formen an. Oder auch Arzberg, die zwei ihrer Kultformen aus den 1930ern (FORM 1382) und 1950ern (FORM 2000) heute noch im Sortiment führen. Entwickelt von den Designern Dr. Hermann Gretsch und Heinrich Löffelhardt sind sie nach wie vor beliebt. Ich selbst habe die zeitlosen Stücke im Schrank.

Der Gedanke aber, dass ein Unternehmen so viel Lagerraum zur Verfügung hat, um abertausende Service aufzubewahren, kommt mir heute jedenfalls reichlich absurd vor. In der Regel werden lediglich die Grundformen in einem Formenarchiv erhalten.

»Tettau« – noch nie gehört

Für diejenigen, die sich gerne mit der Geschichte von Industrieunternehmen beschäftigen, gibt es auf meinem Blog (bald) die Kategorie »Die Unternehmen hinter den Marken«. Wann immer ich eine Teekanne oder einen Tee vorstelle, wird es in diesem Bereich auch Wissenswertes zu der jeweiligen Firma geben. Es lohnt sich dort nachzuschauen, um mehr Details zum Hersteller des Geschirrs meiner Oma zu erfahren. Der hat tatsächlich eine durchaus interessante Unternehmensgeschichte.

Bis 1915 war die ober-fränkische Firma »Königlich privilegierte Porzellanfabrik Tettau« in Familienhand (erst die Familien Greiner, Schmidt und später Familie Sontag). Anschließend wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und 1957 übernahm »Seltmann Weiden« die Führung. Damit wurde die einstige AG erneut in ein Familienunternehmen integriert.

Heute wird in Tettau leider nicht mehr produziert. Erhalten blieb nur noch die Marke »Königlich Tettau«, unter dem Dach der »Unternehmensgruppe Seltmann Weiden«. Eines bleibt jedoch: nach wie vor wird ausschließlich in Deutschland gefertigt.

Die Tettau-Stücke aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind übrigens bis heute begehrt bei Sammlern und Antiquitätenhändlern. Das Porzellan meiner Oma ist es leider [oder Gott sei Dank?] nicht. Auch wenn Omas drei verbliebene Teetassen für mich immer das »gute« Porzellan bleiben, zählen sie generell nicht unbedingt zu den führenden Porzellanen Deutschlands.

In der Tageszeitung »Die Welt« erschien 2007 ein Artikel mit den sieben besten Porzellanherstellern aus Deutschland. »Königl. pr. Tettau« war nicht unter ihnen, ebenso wenig wie »Seltmann Weiden«. Dennoch handelt es sich bei dem Geschirr um Qualitätsporzellan. Es ist bei Weitem nicht mit dem, heute so weit verbreitetem, Kaufhaus-Geschirr zu vergleichen.

An meiner innigen Liebe zum Service, ändert es so oder so nichts. Denn nicht nur, dass mein Herz daran hängt, es hat auch noch mein Interesse an Tischkultur geweckt.

Fündig geworden … na ja fast … in den Tiefen der »elektronischen Bucht«

Etwa zehn Jahre ruhte meine Suche, bis ich vor etwa drei Jahren meine Anfrage per Mail an die Manufaktur wiederholte. Und endlich erhielt ich die notwendigen Informationen zu Omas Teetassen.

Die Form wurde um 1940 herum von W. Heinz für die Tettauer Manufaktur entworfen. Bis etwa Mitte der 1950er Jahre wurden die Stücke produziert. Insgesamt ist das also eine recht kurze Produktionszeit. Die Form erhielt den Namen »Burglind«, was nicht untypisch war. Viele ältere Formen diverser Hersteller wurden nach Damen benannt. Tettau selbst entschied sich einst Porzellan beispielsweise Annemarie, Ariadne oder Iphigenie zu nennen. Die letztgenannten Serien kann man noch immer im Tettau-Shop kaufen.

Die Suche nach der lieblichen »Burglind« konnte also wieder aufgenommen werden. Und da heute das Internet Vieles erleichtert, stieß ich voller Glückseligkeit auf eine Kleinanzeige, in der genau diese Tassen verkauft wurden. Leider war das Angebot ebenso unvollständig, wie meine Reste-Sammlung. Aber immerhin konnte ich auf diese Weise auf ein sechs Personen-Service, mit zwei deckellosen Zuckerdosen aufstocken.

Bei der Abholung des Geschirrs erzählte ich der Vorbesitzerin meine Geschichte. Und da packte sie überraschend das dazu passende Tafel-Service aus – für fünf Personen mit Saucieren, Beilagenplatten und Schüsseln. Ich bin nach Hause regelrecht geschwebt.

Die Vorbesitzerin berichtete mir übrigens, dass sie die Teller gerne als »Grill-Geschirr« verwendete. So schließt sich der Kreis vom »Baustellengeschirr« zur »Grill-Party«. Nichts also, mit »festlicher Tafel«.

Die verlorene Teekanne

Ein Wermutstropfen jedoch bleibt: die passende Teekanne. Die fehlt mir noch immer und wird sehnlichst gesucht. In mehreren Portalen habe ich Suchaufträge angelegt und durchforste in aller Regelmäßigkeit Angebote. Hin und wieder verliebe ich mich dabei in eine andere Teekanne, aber Oma Helenes Kanne ist bisher nie dabei gewesen.

Im Mai 2020 bin ich tatsächlich das erste Mal auf eine »Burglind«-Teekanne gestoßen. Leider, leider hat diese ein Dekor – ein hübsches Blumendekor zwar, aber es ist dadurch bedauerlicherweise nicht die Teekanne meiner Oma. Habe ich sie trotzdem gekauft? Selbstverständlich!

Teekanne Blumendekor Blumenranke
Darf ich vorstellen? Burglind von W. Heinz ~ Wer genau hinsieht, wird die Form in meinem Logo wiederkennen
Foto: Kannenweise

Die Form trägt Elemente aus der Zeit des Rokoko: die geschwungenen (auch: fluted) Henkel, das blumige Ornament am unteren Teil der Tülle und der Knauf, der an eine geschlossene Knospe erinnert (und durchaus typisch für Tettau war). Auch das Waben-Relief auf dem oberen Teil des Kannenkörpers ist an die Folgeperiode des späten Barocks angelehnt. Was jedoch fehlt, um eine echte Rokoko-Kanne zu sein, sind noch stärker ausgeprägte, asymmetrische Reliefs, ein aufwendiges Dekor und eine üppige Vergoldung.

Teekanne Königlich preußisch Tettau 
Burghild
Hier erkennt man das durchlaufende Relief am Schulternabschluss des Kannenkörpers und das Ornament am unteren Teil der Tülle.
Foto: Kannenweise

Blumen, Ranken, Waben: das Dekor

Das vorhandene Dekor, dessen Name mir leider nicht bekannt ist, ist im Stil der »Alten Blumenmalerei« gehalten. Dabei sind die Blüten naturgetreu abgebildet, also nicht stilisiert. Florale Dekore sind übrigens ganz typisch für Porzellanmalerei. Schon im alten China wurde gerne mit Blüten dekoriert.

Die Waben wiederholen sich in Gelb als Dekorierung, sind jedoch nur angedeutet und geben den Blumenranken einen Rahmen.

Teekanne Königlich privilegiert Tettau Blumenranke Dekor
Blumendekor auf der Form Burglind von der Manufaktur »Königlich privilegiert Tettau«
Foto: Kannenweise

Bei den abgebildeten Blumen lässt sich eine Iris erkennen, aber auch die »Hausblume« der Manufaktur – die Taglichtnelke, oder Rote Lichtnelke. Das dürften die größeren roten Blüten in der Nähe der Tülle sein (auf dem Bild links oben). Die kleinen, blauen Blüten könnten Vergissmeinnicht darstellen. Anstelle eines Goldrandes, wurde ein Rotrand aufgetragen.

Mir gefällt das Dekor. Leider ist es bei nicht mehr existierenden Porzellanmanufakturen recht schwer den Namen oder die Dekornummer zu recherchieren, zumal nicht alle Formen und Dekore einen Namen erhielten. Oft war es tatsächlich bloß eine Nummer.

Jedenfalls gab es auf »Burglind« mehr als nur ein Dekor, unter anderem auch eines mit Streublümchen und Goldrand. Auch eine Ausführung mit einem Rotrand ohne weitere Dekorierung, habe ich inzwischen angetroffen. Ich werde jedenfalls nicht aufhören nach der dekorfreien »Burglind« zu suchen.

Bis dahin wird mich der, mit Blumen verzierte, Ersatz den Tee aus Omas Tassen genießen lassen, bis ich irgendwann einmal die eine Teekanne gefunden habe, die das Service vervollständigt.

Wie dem auch sei, eine Erinnerung an Oma Helene holt auch das unvollständige Service immer wieder aus mir hervor. Und das macht das Service für mich persönlich wertvoll.

Quellen:
Wikipedia – Königlich privilegierte Porzellanfabrik Tettau
Wikipedia – Porzellanmalerei
Tettau Homepage
Tettau Onlineshop

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