Teeschale Hand Dekoration
Geschichtliches, Kleine Teekunde

Tee-Legenden

Wer hat es denn nun erfunden?

Ich lerne gerne Neues. Daher sitze ich hin und wieder in einem Tee-Seminar. Neben Wissenswertem aus der Tee-Welt, kann ich auf diese Weise auch neue Tees probieren, ohne gleich eine größere Menge davon kaufen zu müssen. Die Frage zum Ursprung des Tees wird dabei immer wieder gestellt. Jedes Mal bin ich aufs Neue gespannt, welche Version der Entdeckung der Seminarleiter uns anbietet.

Bei einem Getränk, das seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt zubereitet wird, ist es nicht verwunderlich, dass es sich über die Urheberschaft der Idee genüsslich streiten lässt. Da ich keine Zeitmaschine im Schrank habe, in der ich – bewaffnet mit einem Smartphone – eine der Varianten verifizieren könnte, stelle ich in diesem Beitrag die drei gebräuchlichsten vor.

Der Vater aller Tees

Wer genau der erste Mensch war, dem einfiel, die Blätter des Tee-Strauchs (botanisch Camellia sinensis) mit heißem Wasser aufzugießen, ist also kaum zu bestimmen. Zumindest nicht historisch belegbar. Was aber feststeht ist: wer immer es war, er kam aus China und war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mann.

Vorstellbar ist natürlich auch, dass auf verschiedenen Fleckchen Asiens Menschen mehr oder weniger parallel auf den Geschmack des Tees kamen. Aber niemand kam wohl auf die Idee, es für die Nachwelt festzuhalten oder daraus ein Geschäfts zu machen.

Unterdessen ist durchaus belegbar, wie sich das Getränk von China aus über die Kontinente verbreitete. Die natürliche Flora der Pflanze und deren Entdecker bleiben wiederum wissenschaftlich ungenau bestimmt. Dafür greift der Mensch einfach schon zu lange in den Anbau des Tees ein.

Teeplantage
Teeplantage
Abbildung: Biodiversity Heritage Library auf flickr (nachbearbeitet)

Faszinierend finde ich aber die Legenden, die sich um das ehrwürdige Getränk ranken. Da sich auf China als Ursprungsland geeinigt wurde, beleuchte ich zunächst die chinesische Legende. Diese ist gleichzeitig auch die am weitesten verbreitete. Sie wird in den Tee-Seminaren erfahrungsgemäß am häufigsten vermittelt.

Der »Göttliche Ackerbauer« und der Zufall – Die Chinesische Tee-Legende

Die Chinesen schreiben die Entdeckung des Tees ihrem legendären Ur-Kaiser Shen Nung zu [auch, Shennong (chinesisch 神農 / 神)]. Schon die Frage, ob er tatsächlich gelebt hat oder eine mythische Figur ist, kann nicht mit Sicherheit geklärt werden. Wörtlich übersetzt bedeutet sein Name (so Wikipedia) »Göttlicher Ackerbauer« oder »König der Bauern«. Bekannt war er auch als »Sohn des Himmels« und gehörte zu den drei Erhabenen, die wiederum als Erfinder aller Künste und Handwerke gelten. Also nicht irgendwer …

Shen Nung, Huangdi, Figur

[Zum Bild: Shen Nung ist der linke Herr. Man erkennt ihn am langen Bart und den Blättern, die in der Kleidung verarbeitet sind (manchmal findet man sie auch als einen Überwurf um die Schultern). Im Gespräch mit Huangdi. Ebenfalls eine Figur aus der chinesischen Mythologie (genauer ist er ein Gott, auch bekannt als »The Yellow Emperor«). / Wellcome Collection licensed under CC BY 04 Creative Commons]

Shen Nung beschäftigte sich intensiv mit dem Boden und den Pflanzen, sowie deren Wirkung. Aus dieser Tätigkeit heraus schrieb er ein klassisches Medizinbuch. Dazu beherrschte er praktischer Weise auch die Kunst Gold zu erschaffen und hütete ein Rezept für Unsterblichkeit. Das wäre dann »vermutlich« der mythische Anteil an seiner Person. Da er wusste, wie man unsterblich wird, müsste er die Fragen zu seiner Existenz eigentlich selbst klären können. Oder aber man nimmt die Sache nicht ganz so wörtlich und gesteht ihm zu, dass man ihn ca. 5 000 Jahre später noch immer kennt und er ja auf diese Weise tatsächlich irgendwie unsterblich wurde.

»T’sa«

Zu seinen Lebzeiten jedenfalls reiste Ur-Kaiser Shen Nung gern. Auf einer seiner langen Reisen lagerte er an einem Frühlingsabend gemeinsam mit seinem Gefolge im Schatten eines großen Baums. Das hatte sich im Jahr 2737 vor Christus zugetragen (also vor über 4 700 Jahren). In China war es zu dieser Zeit bereits üblich, das Trinkwasser abzukochen und mit pflanzlichen Zusätzen zu aromatisieren, insbesondere auf Reisen. Einmal für den Geschmack und zum anderen, um bakterielle Krankheiten zu vermeiden.

Um den Durst zu löschen, wurde also ein Kessel aufgesetzt und zum Kochen gebracht. Die Hitze des Feuers trocknete die Blätter auf den überhängenden Ästen des Baums. Ein Windzug wehte einige dieser Blätter in den Wasserkessel hinein. Shen Nung bemerkte wie das kochende Wasser sich goldbraun färbte. Neugierig und mutig probierte er von dem wohlduftenden Trank.

Teebaum Legende s/w Grafik
Der Teebaum – Grafik: Kannenweise

Verschiedenen Abbildungen Shen Nungs nach, scheint es durchaus häufiger vorgekommen zu sein, dass er Selbstversuche unternahm und auf Pflanzen herumkaute. Das führte der Sage nach letztlich auch zu seinem Tod.

Der herbe Geschmack des Gebräus vor ihm, überzeugte ihn sofort. Dazu nahm er auch eine anregende Wirkung wahr und rief glückselig »T’sa« aus, was so viel wie »göttlich« bedeutet und wohl zum Namen »Cha« verhalf.

Version 2.0 – Der Palastgarten

Eine andere Version berichtet, dass der Zufall den Kaiser in seinem Palastgarten ereilte. Dort spazierte er mit einer Tasse heißen Wassers in der Nähe eines Baums umher. Wie zuvor, verhalf ein Windzug einigen Blättern in sein abgekochtes Wasser. Der köstliche Duft und die goldene Tassenfarbe brachte ihn dazu die fremdartige Mischung zu trinken. Erfrischt und belebt entschied er sich dazu fortan nur noch Tee zu trinken.

So (oder so ähnlich) wurde also der Tee (oder auch »Cha«) geboren und im gesamten Land verbreitet. Auch heute noch gilt die Wurzel der Camellia sinensis in China als Glücksbringer.

Das jahrelange Anstarren einer Wand und herausgerissene Augenlider – Die japanische Tee-Legende

Während man der chinesischen Legende durchaus Glauben schenken könnte (mal abgesehen von den fragwürdigen übernatürlichen Fähigkeiten Shen Nungs), fordert die japanische Variante einen etwas größeren Vertrauensvorschuss.

Bodhidharma, Daruma Rote Robe Zeichnung Japan

[Zum Bild: Daruma. Ich finde man sieht ihm die schlechte Laune an. / Tinte und Farbe auf Papier (hängende Rolle). Im Original ein Geschenk von Harold P. und Jane F. Ullman an das Los Angeles County Museum of Art. / Lacma licensed under CC BY 04 Creative Commons]

Die japanische Legende geht zurück auf den buddhistischen Mönch Bodhidharma (chinesisch 菩提達摩, Pinyin Pútídámó oder kurz Damo 達摩, jap. Bodai-Daruma oder Daruma). Gelebt hatte dieser in etwa zwischen 440 und 528 nach Christus (also einige Tausend Jahre später als der chinesische Ur-Kaiser). Neben der Erschaffung bzw. der Entdeckung des Tees, war Bodhidharma der erste Patriarch der buddhistischen Chan- und Zen-Linien. Historisch gesehen ist sein Leben sogar teilweise gesichert. Allerdings gibt es ungeklärte Details, was daran liegt, dass die Legende erst Jahrhunderte nach seinem Tod entstand und immer weiter ausgeschmückt wurde. In buddhistischen Überlieferungen wird er stets als schlecht gelaunter, vollbärtiger, groß-äugiger »Nicht-Chinese« dargestellt. Der Titel »Blauäugiger Barbar« hat sich ebenfalls gehalten.

Der, der auszog…

Mit etwa 20 Jahren (480 n. Chr.) verließ er sein Land. Dieses wird als »West-Region« beschrieben, was auf Zentralasien deutet, aber auch den Indischen Kontinent umfassen könnte. Demnach wird er entweder nach Persien oder Süd-Indien verortet (hier als dritter Sohn des »Großen Indischen Königs«). Sein erstes Ziel war China, wo er den Himalaja in die nördlichen Provinzen überquerte und über Süd-China schließlich an den Kaiserhof der Liang-Dynastie gelangte.

Um 520 n. Chr. herum ließ der Mönch sich im Norden der Provinz Henan nieder, wo er der Legende nach im Shaolin-Kloster die Philosophie der Selbstbetrachtung unterrichtete. Das Kloster ist übrigens heute noch aktiv. Seine Lehre ist gemeinhin die Grundlage des Chan-Buddhismus. Von Henan aus gelang sie weiter nach Korea (Son), Vietnam (Thien) und auch nach Japan (Zen). Soviel zu seiner Person.

Starr die Wand an!

Und nun kommen wir zum Tee. Dessen Erschaffung bzw. Entdeckung ist allerdings nur eine der zahlreichen Legenden, die sich um ihn ranken.

Diese Tee-Legende variiert im Detail in ihren Überlieferungen. Der Ort des Geschehens war wohl eine Höhle in der Nähe des erwähnten Shaolin-Klosters. Entweder wurde ihm zunächst der Zugang zum Kloster verwehrt, oder er wurde nach einiger Zeit von dort ausgeschlossen. Daraufhin zog er sich in die Höhle zurück und meditierte dort mit dem Gesicht zur Wand.

Ohne Schlaf, und ohne mit jemandem zu reden, verbrachte er hier sitzend sieben Jahre. Eine andere Version spricht sogar von neun Jahren.  Nach einigen Jahren des »Wandanstarrens« überfiel ihn schließlich die Müdigkeit und er schlief ein. Verärgert über sich selbst, riss er sich nach dem Erwachen die Augenlider aus, um nicht erneut in den Schlaf sinken zu können. Die Lider warf er auf den Boden.

Der Legende nach schlugen die Augenlider unmittelbar Wurzeln, und denen entsprang schließlich die erste Teepflanze. Ab diesem Zeitpunkt verhalf der daraus zubereitete Tee nicht nur dem Mönch, sondern auch den Chan- bzw. Zen-Studenten dazu bei der Meditation länger wach zu bleiben. Grund war die Stimulation durch den Koffeinanteil im Tee.

Als vermeintlicher Beweis für die Legende, dienen die Blätter der Camellia sinensis. Bei genauerer Betrachtung scheinen sie Augenlidern zu ähneln.

Teeblatt

Was danach kam

Der populärsten Darstellung nach, wurde Bodhidharma nach Ablauf der neun Jahre endlich der Zugang zum Kloster gewährt, wo er seine Lehre weiterreichte. Andere Varianten berichten, dass er aufrecht sitzend in der Höhle starb, einfach verschwand oder dass seine Arme und Beine aufgrund der Sitzhaltung verkümmerten. Das wird auch als Grund angeführt, warum die japanischen, glückbringenden Daruma Figuren keine Extremitäten haben.

Daruma Figur
Japanische Daruma Figuren
Foto: Jng104 via flickr licensed under CC BY 2.0 Creative Commons (bearbeitet)

Vom Schweigen und Kauen auf unbekannten Blättern – Die indische Tee-Legende

Die indische Legende ist ihrerseits eine Variation aus dem Leben des buddhistischen Mönchs  Bodhidharma, was seine indische Herkunft stützt. Die Inder gehen davon aus, dass der dritte Sohn des Königs Kosjuwo auf einer Mission nach China reiste, um dort die buddhistische Lehre zu verbreiten. Soweit, so bekannt.

Etwa 500 n. Chr. wollte er sich dieser Mission als würdig erweisen, indem er ein Gelübde ablegte sieben Jahre lang zu nicht zu schlafen. Nach drei (bis fünf) Jahren schien ihn der Schlaf doch zu übermannen. Um sich wach zu halten griff er voller Verzweiflung nach den Blättern eines benachbarten Strauchs. Im Glauben sich durch das Kauen bei Bewusstsein zu halten, begann er auf den unbekannten Blättern herumzukauen.

Sofort entfaltete die Pflanze ihre belebende und erfrischende Wirkung. Daraufhin schöpfte er die neue Kraft, die er benötigte, um die verbliebenen Jahre durchzuhalten und anschließend seine Lehre weiterzutragen. Auf diese Weise kam auch die neu entdeckte, belebende Pflanze und das daraus entwickelte Getränk in Umlauf.

Was vom Tee übrig bleibt

Ganz gleich, ob wir es nun dem Zufall in Form des Windes, herausgerissenen Augenlidern oder dem verzweifelten Herumkauen auf zufällig nahe gelegenen Sträuchern eines bärtigen, schlecht gelaunten Mannes zu verdanken haben; ich brühe mir jetzt eine duftende Tasse grünen Tees auf und genieße mit geschlossenen Augen das (für mich) beste Getränk der Welt.

Quellen:

Dethlefsen Balk
Tea-Exclusive.de
Teehausshop.de
Ronnefeldt-Tee.com
Wikipedia.org – Bodhidharma

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