Portraits, Porzellanmanufakturen

Villeroy & Boch – Teil 3

Im dritten und letzten Teil des Unternehmensprofils von »Villeroy & Boch« geht es um die Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts und den aktuellen Stand des Unternehmens. Wer die Geburtsstunde und den Aufstieg dieser Porzellanindustrie-Größe nachlesen möchte, kann für Teil I & Teil II gerne den eingebetteten Links folgen.

Das 20. Jahrhundert möchte ich gerne mit einer kleinen Geschichte beginnen; einer Geschichte über das kurze Leben des sogenannten Majolikahäuschen, das mich fasziniert hat. Der Grund dafür liegt in den wenigen Fotos und der Tatsache, dass es dieses kleine Kunstwerk heute nicht mehr gibt.

Jugendstil par excellence […]

Villeroy & Boch Majolikahäuschen Industrie und Gewerbe Ausstellung Düsseldorf 1902 Art Nouveau Jugendstil Architektur
Abbildung: Public domain via Wikimedia Commons

Wir starten also im Jahr 1902, als in Düsseldorf die populäre Industrie- und Gewerbeausstellung ausgerichtet wurde. Als ein Big Player der Industrie zeigte »Villeroy & Boch« seine Waren nicht bloß in einem Zelt oder einer Halle. Für eine stilvolle Präsentation wurde eigens ein Pavillon im westlichen Teil des Düsseldorfer Hofgartens errichtet, das durch und durch den Jugendstil der Zeit atmete.

Das Häuschen zeigte, was »Villeroy & Boch« im Bereich der Künstlerkeramiken leisten konnte. Es war quasi ein Ausstellungsstück für sich. Sowohl die Fassade, als auch das Interieur wurden kleinteilig aus farbig glasierten Fliesen zu kunstvollen Mosaiken zusammengesetzt und mit Reliefs sowie Terrakotten geschmückt.

Anton Joseph Pleyer (ein bayrischer Maler und Innenarchitekt) entwarf das Majolikahäuschen. Und wir haben ja bereits gelernt, durch welchen hohen Standard  »Villeroy & Boch« zu dieser Zeit ausgezeichnet wurde.

Villeroy & Boch Majolikahäuschen Industrie und Gewerbe Ausstellung Düsseldorf 1902 Art Nouveau Jugendstil Architektur
Foto: Public domain via Wikimedia Commons (digital koloriert)
Villeroy & Boch Majolikahäuschen Industrie und Gewerbe Ausstellung Düsseldorf 1902 Art Nouveau Jugendstil Architektur
Foto: Public domain via Wikimedia Commons (digital koloriert)

Vorbild für das kleine Gebäude war das Wiener Majolikahaus. Würde der Pavillon heute noch stehen, wäre es wohl architekturgeschichtlich eines der wichtigsten Werke des Jugendstils in Düsseldorf.

 […] oder die Frage danach, ob es weg kann

Nach der Ausstellung schenkte »Villeroy & Boch« den Pavillon der Stadt Düsseldorf. Zunächst wurde er zu einem »Milchhäuschen« umgebaut, wo Parkbesucher Erfrischungsgetränke zu sich nehmen durften. Der Firmen-Schriftzug am Eingang wurde hier bereits übermalt. Später beherbergte das »Majolikahäuschen« ein Gartencafé (und erhielt erneut einen kleinen Facelift).

Villeroy & Boch Majolikahäuschen Industrie und Gewerbe Ausstellung Düsseldorf 1902 Art Nouveau Jugendstil Architektur Milchpavilion Hofgarten
Postkarte des umfunktionierten Milchpavilions │ Public domain via Wikimedia Commons (digital koloriert)

Das Café war beliebt. Ob das der Architektur, dem Café-Angebot oder einfach dem schönen Standort im Park geschuldet war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls hätte es unter dieser Nutzung weiterhin Bestand gehabt – wäre da nicht die nächste große Ausstellung der Stadt gewesen.

Dieses Mal ging es um die Themen Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (kurz GeSoLei). Ein nüchternes Thema, das in einem sachlichen Umfeld stattfinden sollte. 1925 konzipierten daher Wilhelm Kreis und ein größeres Team um ihn herum diese Ausstellung. Aus dieser gingen wiederum wichtige Gebäude hervor; alle unter dem Aspekt: zweckbestimmt und modern.

In dieses Umfeld passte das reich verzierte Jugendstil-Bauwerk anscheinend nicht mehr. Eigentlich war es sogar das Gegenteil von der angestrebten zeitgenössisch-modernen Architektur. Es fielen Worte wie  »Schnörkelprunk« und  »Ornamentkleberei«. Aber was tun? Vor allem so kurzfristig?

Buchstäblich über Nacht verschwand das Häuschen aus dem Park. In der Nacht vom 9. Februar 1926 wurde es vollständig zerstört und abgetragen – ohne Genehmigung der Stadt. Lange Zeit wunderte man sich, wer für diese »pragmatische« Lösung zuständig gewesen war. Mitte der 1960er Jahre erst gestand ein  »GeSoLei«-Ingenieur, dass die Abbruch-Aktion vom Komitee heimlich umgesetzt wurde.

Was vom Jugendstil übrig blieb

Jüngst wurden beim Bau eines Spielplatzes im Düsseldorfer Hofgarten Reste des Majolikahäuschens ausgegraben. Neben Keramikplatten kamen auch verschiedene Schmuckelemente zutage, wie Äpfel und Blätterranken, die nun museal interessant sind.

Villeroy & Boch Majolikahäuschen Industrie und Gewerbe Ausstellung Düsseldorf 1902 Art Nouveau Jugendstil Architektur
Majolikahäuschen innen │ Foto: Public domain via Wikimedia Commons (digital koloriert)
Villeroy & Boch Art Nouveau Jugendstil Keramik
Gefäß von Villeroy & Boch im Jugendstil │ Foto:
Sailko under CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Die Geschichte des Pavillons hat mich berührt, weil es mich gleichzeitig erschreckt hat, wie ein Werk, in das so viel Arbeit und Kunstfertigkeit geflossen waren, einem neuen ästhetischen Leitbild zum Opfer fallen konnte. Ohne Abstimmung, ohne Planung, quasi im Verborgenen wurde der Beschluss gefasst ein Bauwerk zu zerstören. Heute hätte es mit Sicherheit unter Denkmalschutz gestanden und wäre als »erhaltenswert« eingestuft worden.

Seinerzeit jedoch wurde das Gebäude noch das Fehlen jeglicher Kunstbedeutung zugeschrieben. Bleibt die alte Frage. Was gilt als Kunst? Wer hat das zu entscheiden?

Villeroy & Boch Art Nouveau Jugendstil Keramik Teekanne Teapot
Kunstvoll oder kitschig? Villeroy & Boch Teekanne, ausgestellt im Rijksmuseum (Amsterdam) – circa 1911/1912 │ Foto: Public Domain via Wikimedia Commons

Und wie viel wird heute zerstört, weil es gerade nicht dem aktuellen Geschmack entspricht? Ich hoffe, dass Ereignisse wie diese unseren Blick ein wenig öffnen, was den Umgang mit unserem Erbe betrifft (seien es Gebäude, Erholungsflächen, Naturgebiete, Möbel et cetera). 

Auf die Geschichte des Unternehmens hatte diese kleine Episode natürlich keine großen Auswirkungen. Daher zurück zum eigentlichen Thema mit der Hoffnung, dass ihr diesem kleinen Exkurs wohlwollend gegenüber steht.

Familienangelegenheiten

Und wo stand zu diesem Zeitpunkt die Familie? Wer einen Wikipedia-Eintrag zu den von Bochs liest (oder auch den Villeroys), stößt auf Doppelnamen mit dem Zusatz »Galhau«. In Teil I gab es bereits einen Hinweis auf diesen angeheirateten Zweig der Familie. Kurz zur Erinnerung: Louis Henry Fulbert de Galhau bekam durch seine Ehe mit Sophie Villeroy im Zuge der Fusion einen Platz im Unternehmen. Der Anwalt konnte auf eine lange Reihe männlicher Vorfahren zurückblicken – und einigen Nachfahren.

Adolphe de Galhau Villeroy & Boch Büste
Foto: Oktobersonne under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Sein Sohn Nicolas Adolphe de Galhau (durch eine Vermählung mit seiner Cousine Léonie nun Eugen von Bochs Schwippschwager) war unter anderem Besitzer des Gutes »Linslerhof« im saarländischen Überherrn. Ihr recht stattliches Vermögen investierten die Galhaus zu Lebzeiten nicht selten in gemeinnützige Zwecke (wie das Krankenhaus, das Rathaus, die Schule oder die Pfarrkirche in Wallerfangen).

Gemeinsam gründeten sie die »Sophien-Stiftung« für diverse Beihilfen an Menschen vor Ort. Darüber hinaus unterstützten sie Witwen und ließen Arbeiterwohnungen bauen. Das Paar blieb jedoch kinderlos und stand Ende des 19. Jahrhunderts ohne Erben da.

Der Hof [heute ein exklusives Hotel] sollte daher an den Schwippschwager Eugen übergehen und das restliche Vermögen unter den Verwandten aufgeteilt werden. Eine Bedingung für das Erbe, war aber, dass sowohl die von Bochs, als auch die Villeroys den Zusatz »Galhau« in ihren Familiennamen aufnahmen. 1907 wurde dieser Zusatz durch Kaiser Wilhelm II. genehmigt und wird bis heute fortgeführt.

1908 starb René von Boch-Galhau und hinterließ den Söhnen Roger und Luitwin den Konzern. Inzwischen war dieser zu einem industriellen Riesen angewachsen, mit mehr als 8 000 Beschäftigten, fünf Haupt-Werken und zahlreichen Niederlassungen. Im Sortiment dieser Zeit war alles zu finden, was man aus Keramik fertigen konnte (inklusive Rohren und Elektrokeramik). Die Generaldirektion fiel zunächst auf die beiden von Boch-Galhaus gemeinsam.

Gedenkplatte Jubiläum Villeroy & Boch Dresden 1906
Jubiläumsteller für Emil Berger, einem Mitarbeiter der Steingutfabrik in Dresen, 1906 │ Foto: Stadtmuseum Dresden under CC BY-NC-ND
Tee-Service Villeroy & Boch rosa Eierbecher Teekanne
Frühstücks-Service mit Teekanne – circa 1900 │ Foto: Stadtmuseum Dresden under CC BY-NC-ND

Titanic-Dekadenz

Auch im neuen Jahrhundert häufte das Unternehmen fleißig weitere Werke an. 1906 wurde das »Villeroy & Boch« Werk in Lübeck-Dänischburg gegründet.

Das Werk in Lübeck-Dänischburg in einer Aufnahme von 1931 Foto: Public domain via Wikimedia Commons

Der Bedarf an Erzeugnissen der Manufaktur stieg stetig an und der Name stand auch im Ausland für Qualität. Das zeigte sich spätestens daran, dass das größte und luxuriöseste Schiff der Zeit mit Fliesen von »Villeroy & Boch« ausgestattet wurde: die Titanic.

Villeroy & Boch Titanic Fliesen Tiles Mettlach Museum
Heute wird auf die Titanic ganz bewusst im Museum hingewiesen │ Foto: Pinterest

Bemerkenswerterweise war das dem Unternehmen selbst gar nicht mehr bewusst gewesen, wenn nicht ein Titanic-Fan das Mettlacher Keramik-Museum besucht hätte. Ihm war sofort aufgefallen, dass dort die »Titanic-Fliesen« ausgestellt wurden. Auf Bildern des Wracks waren diese zuvor deutlich zu sehen gewesen.

Daraufhin wurde das Unternehmens-Archiv durchforstet und man wurde tatsächlich fündig. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts belieferte »Villeroy & Boch« unter anderem die Reederei »Harland & Wolff« in Belfast mit eben diesen Fliesen.

Es handelte sich dabei um Kacheln aus dem Standardsortiment des Unternehmens und wurde deshalb nicht weiter hervorgehoben.

Anhand von Fotos lässt sich nachvollziehen, dass zum Beispiel der Rauchersalon und der Swimmingpool der ersten Klasse mit verschiedenen »V&B« Kacheln verkleidet wurde.

Villeroy & Boch Titanic Fliesen Tiles Pool 1st Class
Swimmingpool der Ersten Klasse der Titanic, hier fotografiert auf dem Schwesternschiff, Olympic; links sieht man die Fliese von V&B, die nicht nur im Pool, sondern auch in den Badezimmern der Ersten Klasse verlegt waren │ Foto: Public domain via Wikimedia Commons
Villeroy & Boch Titanic Fliesen Tiles 1st Class Smoking Room
Auch im Rauchersalon waren Fliesen aus dem Sortiment von V&B verlegt, hier zu sehen in einer Rekonstruktion anhand des Schwesternschiffs Olympic │ Foto: HefePine23 under CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

Nur zwei Jahre nach dem Untergang des Luxusliners sollte sich die Welt einmal mehr verändern. Während des Ersten Weltkrieges musste die Produktion zeitweise eingestellt werden.

Kriegsfolgen – Getrennt durch Landesgrenzen

Ab 1914 musste Luitwin von Boch-Galhau das Unternehmen allein leiten. Sein Bruder Roger zog in den Krieg, wo er dann auch sein Leben ließ. Am Ende lag auch das Land in Trümmern. Außerdem wurde in Folge des Krieges das Saargebiet vom restlichen Deutschland abgetrennt. Somit verlor »Villeroy & Boch« die logistische Verbindung zu seinen dortigen Werken. Daraus resultierend konnte das Deutsche Reich nur noch schwer mit Rohstoffen für die Produktion beliefert werden. Ein ganzer Markt fiel weg.

Das Unternehmen behalf sich mit dem Erwerb von weiteren Werken innerhalb der deutschen Grenzen. So kamen 1920 die »Steingutfabrik und Kunsttöpferei Franz Anton Mehlem« in Bonn sowie die »Mosaikfabrik Deutsch-Lissa« bei Breslau unter das »V&B«-Dach. 1925 folgte der Bau einer neuen Steingutfabrik in Torgau.

Geführt wurden diese drei deutschen Standorte von Dresden aus. Auf diese Weise wurde die Belieferung des deutschen Marktes gesichert, während die Werke im Saargebiet den französischen Markt erschließen sollten.

Villeroy & Boch Dresden Musterkarte Vasen
Musterkarte mit Dekornummern von Villeroy & Boch Dresden, 1927 – Kunstdruck-Anstalt Römmler & Joans (Dresden) │ Abbildung: Stadtmuseum Dresden under CC BY-NC-ND

Um den französischen Geschmack zu treffen, mussten neue Formen her. An anderer Stelle bremste die Inflation künstlerische Entwürfe aus. Es war für die meisten Unternehmen eine Herausforderung zu überleben.

Es ging jedoch nie nur um die Sicherung des Status Quo. In den jüngsten Werken entstanden auch eigene Tendenzen. So griff man in Mehlem beispielsweise die neuen Formen der Bauhaus-Bewegung auf. Neben Gebrauchsgeschirr entstand hier auch Dekoratives. Ab 1926 stieg man dann auf Sanitärproduktion um.

Art Déco & Neue Sachlichkeit – Die 1930er Jahre

»Villeroy & Boch« hatte noch immer ein Händchen für Zeitgeist und Großproduktion gleichermaßen. Während auf der einen Seite Großprojekte wie der Holland-Tunnel unter dem Hudson River in den USA gestemmt wurden, trug man auf der anderen Seite auch den neuen Kunstrichtungen wie Art Déco und Bauhaus Rechnung.

Durch die gesamte Produktpalette dieser Zeit spiegelte sich zum einen die elegant-luxuriöse Handschrift des Art Déco – allem voran mit Dekorationsobjekten wie Vasen und Figuren – sowie der sachlich-nüchterne Stil des Bauhaus.

Villeroy & Boch Art Deco Dekorationsobjekt Frau Akt
Figur, weiblicher Akt, Entwurf von Viatcheslave Garine für Villeroy & Boch, Septfontaines, 1928 – 1949, bleiglasiertes Steingut │ Foto: Tom Lucas for Musée national d’histoire d’art Luxembourg under CC0, public domain
Villeroy & Boch Art Deco Dekorationsobjekt Tänzer
Figur, spanischer Tänzer, Entwurf von Margerie für Villeroy & Boch, Septfontaines, 1930, bleiglasiertes Steingut │ Foto: Tom Lucas for Musée national d’histoire d’art Luxembourg under CC0, public domain
Villeroy & Boch Art Deco Dekorationsobjekt Tänzer
Figur, spanische Tänzerin, Entwurf von Margerie für Villeroy & Boch, Septfontaines, 1930, bleiglasiertes Steingut │ Foto: Tom Lucas for Musée national d’histoire d’art Luxembourg under CC0, public domain

Ein Beispiel für den Finger am Puls der Zeit war die Zusammenarbeit des Unternehmens mit Künstlern wie Henry van de Velde. Dieser gründete bereits zur Jahrhundertwende den Bauhaus-Vorgänger »Kunstgewerbliches Seminar«. Er verband damit die Kunst mit dem sachlichen Gewerbe, was seinerzeit durchaus zu gehobenen Augenbrauen geführt hatte.

Für »Villeroy & Boch« schuf er mehrere Entwürfe inklusive Geschirr-Serien. Van de Velde tat sich später mit Walter Gropius zusammen – einer der bekanntesten Größe der Bauhaus-Bewegung.

Nicht alles davon war jedoch automatisch ein Verkaufshit. Einige Entwürfe van de Veldes waren der angesprochenen Käuferschicht zu weit ihrer Zeit voraus.

Henry van de Velde
Henry van de Velde fotografiert von Nicola Perscheid, 1904 (digital koloriert │Foto: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG), under CC0 1.0, public domain

Peter Behrens – Mitbegründer des Deutschen Werkbundes – war ein weiterer kreativer Kopf, der für das Unternehmen Geschirr- und Fliesen-Designs entwarf. Er experimentierte zum Beispiel mit der Form der Fliese. Nach seinen Entwürfen entstanden so nicht nur quadratische, sondern auch außergewöhnliche Formate, wie ein Pentagon. 

Kaffee-Service Villeroy & Boch Hermann Gretsch Tassen Kanne
Kaffee-Service von Villeroy & Boch Dresden, Form-Entwurf nach Gustav G. Partz: „Kugelform, glatt“, Dekor „Engobe 7“ │ Foto: Stadtmuseum Dresden under CC BY-NC-ND

Schweres Erbe – Unter Aufsicht

Luitwin von Boch-Galhau Villeroy & Boch
Bild: public domain

Wie auch immer, in diesen Jahren gab »V&B« bereits etwa 10 000 Menschen Arbeit. Die Wirtschaftskrise ging jedoch auch an diesem Keramikriesen keineswegs schmerzlos vorbei. 1931 musste das Bonner Werk sowie die historische Steingutfabrik in Wallerfangen geschlossen werden. Die Ereignisse warfen bereits ihre Schatten voraus, denn die Folgen des Zweiten Weltkriegs sollten das Unternehmen weiter schädigen.

Außerdem starb 1932 Luitwin von Boch-Galhau, nur kurze Zeit nach seiner Ehefrau. Sein gleichnamiger Sohn war dadurch gezwungen mit nur 26 Jahren die Verantwortung der Firma auf seine Schultern heben.

Er war kein Neuling auf dem Feld. Der diplomierte Ingenieur hatte bis zu diesem Zeitpunkt das Merziger Werk von »Villeroy & Boch« geleitet. Dennoch war der Schritt zur Gesamtleitung nicht unbedingt klein.

1940 wurde Elsass-Lothringen dem deutschen Reichsgebiet unterstellt. »Villeroy & Boch« war damit gezwungen ihre Saargemünder Fayencefabrik als »Feindesgut« dem Gauleiter Josef Bürckel zur Konkursverwaltung zu übergeben. Viele der Mitarbeiter wurden in den Kriegsdienst einberufen. Die Region wurde schließlich militärisch belagert und die Bevölkerung ganz evakuiert. Der Betrieb stand still.

War once more

Erst ab Januar 1941 konnte unter unglücklichen Umständen wieder produziert werden. Allerdings bestimmte die Partei das Programm, nicht die Gründerfamilien. Wandfliesen wurden aus der Produktion gestrichen, Bodenfliesen aber nicht. Dekore wurden abgeschafft. Dafür stand robustes, schlichtes NS-Geschirr auf dem Plan.

Unter anderem wurden in dieser Zeit auch propagandistische Motive aufgegriffen. Die Mitarbeiter bestanden hauptsächlich aus Fremdarbeitern und Frauen.

Der junge Luitwin von Boch-Galhau (der sich trotz allem nie dazu breitschlagen ließ sich der NSDAP anzuschließen) sicherte sich unterdessen ein Vorkaufsrecht für sein Unternehmen.

Josef Bürckel Gauleiter
Gauleiter Josef Bürckel, der während der Kriegsjahre die Produktion für V&B bestimmte │Foto: Public domain via Wikimedia Commons

Für die Wiederaufnahme der Produktion waren zunächst 2.350.000 Reichsmark notwendig (etwa 600.000 Euro). Stücke aus dieser Periode trugen den Zusatz »Steingutfabrik Saargemünd« im Bodenstempel. Von Boch-Galhau plante eine Umstellung der Produktion auf Sanitärkeramik in diesem Werk. Um dieses Ziel umzusetzen, kaufte er sein eigenes Werk für etwa zwei Millionen Reichsmark aus der Konkursmasse zurück und befreite sich damit von der Berichtspflicht an den Gauleiter.

Nach Kriegsende wurden die saarländischen Werke (bis 1957) zurück in den französisch-saarländischen Wirtschaftsraum eingegliedert. Die verbliebenen Fabriken in Deutschland dagegen wurden während der Kriegsjahre empfindlich beschädigt oder zerstört. Enteignungen der Werke in Deutsch-Lissa, Dresden und Torgau folgten.

Einmal mehr also ein Tiefschlag und ein Verlust großer Teile ihrer Produktionskapazität. Aber »Villeroy & Boch« hatte schon ganz andere Zeiten überwunden.

Nachkriegsjahre

Die ersten Jahre nach Kriegsende nutzte das Unternehmen für Konsolidierung, sprich seine Basis-Linien, Sanitärkeramik und Fliesen. Kunstobjekte standen zu dieser Zeit nicht im Mittelpunkt. Untätig war die Familie im Allgemeinen aber auch nicht.

Luitwin von Boch-Galhau ließ beispielsweise 1957 das Zentralarchiv neu ordnen. Große Teile des Formenarchivs wurden bei einem Brand der Abtei (noch vor Kriegsbeginn) zerstört. In Mettlach finden inzwischen wieder Historiker, Studenten, Heimatforscher et cetera Schrift- und Fotodokumente, sowie Objekte der Produktion aus der Vergangenheit (so wie beispielsweise die Titanic-Fliesen).

Und auch in Sachen Produktentwicklung ging es langsam, aber stetig wieder voran und in Reminiszenz an den alten Entwicklergeist wurden Neuerungen vorangetrieben. 1958 gelang in Septfontaines die Herstellung einer neuen Porzellanart – des »Vitro-Porzellan«. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Hartporzellan, das jedoch – anders als zum Beispiel klassisches Hotelporzellan der Zeit – eher an das luxuriöse »Bone China« erinnert.  

Villeroy & Boch  1950er Mid-Century Schale
Ablageteller Villeroy & Boch, Septfontaines, bleiglasiertes Steingut, 1960 – 1969 │ Foto: Tom Lucas for Musée national d’histoire d’art Luxembourg under CC0, public domain
Villeroy & Boch Mid-Century Kaffee-Kanne Keramik
Kaffee-Kanne Villeroy & Boch, Septfontaines, bleiglasiertes Steingut, 1950 – 1959 │ Foto: Tom Lucas for Musée national d’histoire d’art Luxembourg under CC0, public domain

»Vitro-Porzellan« ist dabei eine Bezeichnung, die exklusiv von »Villeroy & Boch« gebraucht wurde.  Inzwischen wurde sie auch bei »V&B« von der allgemein gebräuchlichen Bezeichnung »Premium Porzellan« oder auch »Fine China«  abgelöst.

Dieses Hartporzellan darf wiederum nicht mit »Premium Bone China« verwechselt werden, was die höchste Qualitätsstufe in der Porzellanherstellung ist und auch hin und wieder synonym mit »Fine Bone China« verwendet wird. Dieses ist nämlich hauchdünnes, mit Knochen angereichertes Porzellan, dessen Herstellung recht aufwendig ist und entsprechend einen hohen Preis rechtfertigt. Das Hauptmerkmal ist die Opazität, also die Durchsichtigkeit, wenn man das Stück gegen eine Lichtquelle hält.

Gleichzeitig hat »Bone China« gegenüber dem »Vitro« (oder neu »Premium«) Porzellan aber den empfindlichen Nachteil brüchiger zu sein. Denn das Vitro-Porzellan stellte sich als recht stoßfest heraus, war dafür jedoch weniger opak.

Besinnung auf Design

Wie dem auch sei, es war ein Erfolg für das Unternehmen, sodass die Produktion von Steingut ab 1969 komplett auf dieses neue Hartporzellan umgestellt wurde. Zu diesem Erfolg trugen vor allem Großabnehmer bei. Denn durch die neue Widerstandsfähigkeit und gute Beschaffenheit gegen Ritze, war auch die Gastronomie und Hotellerie besonders interessiert. Damit waren in Folge hohe Abnahmemengen verbunden (vor allem im mittleren und hochpreisigen Segment).

Auch das Engagement im sozialen Bereich wurde durch Luitwin von Boch-Galhau und seiner Ehefrau Beatrice wieder aufgenommen. So wurde 1960 ein drittes, deutsches SOS-Kinderdorf in Hilbringen mit Unterstützung der von Boch-Galhaus gebaut. Eine Ehrenaufgabe für Luitwin war es die deutsch-französische Freundschaft zu fördern, wofür er auch von beiden Ländern entsprechend gewürdigt wurde. Austausch und Harmonie zwischen den beiden wichtigsten Märkten lag ihm am Herzen.

Saftkrug Villeroy & Boch Mid-Century
Saftkrug Villeroy & Boch, Septfontaines, bleiglasiertes Steingut, circa 1960 │ Foto: Tom Lucas for Musée national d’histoire d’art Luxembourg under CC0, public domain

In den beginnenden 1970er Jahren setzte »Villeroy & Boch« einen weiteren Meilenstein in ihrer Erfolgsgeschichte und ließ die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre endgültig hinter sich. So gelang gleich 1971 der Coup Japan als neues Marktsegment zu erschließen. Besonders im Feld »Tischkultur« konnten hier große Lieferungen umgesetzt werden. Parallel wurde auch die USA weiter erschlossen.

Leitung des Unternehmens hatte seit 1972 übrigens wieder ein Luitwin inne: Luitwin Gisbert von Boch-Galhau. Allerdings sollte diese bereits 1985 in Vorbereitung auf die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft auf einen sechs-köpfigen Vorstand umverteilt werden.

Mit dem neu und ganzheitlich benannten Geschirrbereich »Tischkultur« richtete das Unternehmen nun seinen Blick wieder auf das Segment, das es einst groß gemacht hatte. Es galt gegen den steigenden Wettbewerb anzukämpfen – mit Design.

Die Kugel

Den Startschuss zum modernen Tischkultur-Design machte Helen von Boch. Neben betont modernen Servicen und fernöstlichen Serien entwickelte die Designerin, gemeinsam mit dem italienischen Keramiker Federigo Fabbrini, das Aushängeschild schlechthin: »La Boule«, beziehungsweise »Die Kugel«.

Sie wirkt wunderbar im Wohnzimmerregal und verbirgt gleichzeitig ein vollständiges Tafel-Service für zwei bis vier Personen.

Damit ist die Kugel nicht nur Dekorationsobjekt, sondern extrem praktisch. Sie war Teil der Kollektion »Avantgarde«, (die auch eine Teekanne beinhaltete) und wurde in verschiedenen Farben präsentiert, wobei die bekannteste Kombination aus den 1970ern wohl die in grün-gelb-orange sein dürfte.

Helene von Boch Kugel Boule Villeroy & Boch
Helen von Boch mit einem Querschnitt ihrer Kugel │ Foto: pinterest

Welch wichtige Rolle dieser Entwurf spielte, zeigte damals die Auszeichnung mit dem IF-Produkt-Design-Award. Einige Sondereditionen folgten über die Jahre. Heute spiegelt sich die Bedeutung für das Unternehmen in der Neuauflage der »Boule« wider. Diese ist in ihrer neuesten Version mit einem leichten Facelift unter anderem in uni, schwarz-weiß oder dem auffälligen »Memphis«-Farb-Design erhältlich. [Sie steht auf meiner Wunschliste! Selbstredend, dass ich dieses kleine Geschirrwunder unglaublich toll finde – sei es in der 1972er Version oder der Wiederbelebung aus 2020.]

La Boule Die Kugel Villeroy & Boch
Kollage: Kannenweise

Die Original-Kugel ist heute noch Second-Hand zu kaufen. Man sollte sich jedoch auf Preise jenseits der 500 Euro-Marke für ein vollständiges Set einstellen.

Badezimmer a la Colani

Luigi Colani Portrait
Luigi Colani in Karlsruhe │
 Foto: tapetenpics via flickr under CC BY 2.0

Helen von Boch sollte nicht die einzige Designerin bleiben, die für »Villeroy & Boch« Kultobjekte entwarf. Nur vier Jahre später gelang dem deutschen Designer Luigi Colani etwas ähnliches – dieses Mal im Segment »Sanitär«. Bisher herrschte im Badezimmer doch überwiegend der immer gleiche Standard vor. Was sollte man an der Form von Waschbecken oder Toilettenschüsseln auch groß ändern?

Nun, wenn man Colani hieß, gab es da schon die ein oder andere Idee. Colanis Objekte sind sofort zu identifizieren. Sie sind geprägt durch eine organische Formensprache – bestehen nur aus Rundungen und Wellen.

Für »V&B« entwickelte er ein Konzept mit den Schwerpunkten Ergonomie, Regeneration und Farbe. Dabei verband er durch sein Design sämtliche Elemente eines Badezimmers. Sowohl die Keramiken, als auch die Accessoires und Armaturen waren wie aus einem Guss. Neu. Erfolgreich. Eine kleine Revolution im Badezimmer, sozusagen.

Und vielleicht auch ein Stein des Anstoßes für neue Wohnkonzepte schlechthin. Denn allem Voran blieb »Villeroy & Boch« ein erfolgsorientiertes Unternehmen. Daher wurde Mitte der 1970er Jahre eine neue Unternehmensphilosophie begründet. Die Produktion stellte um von der Herstellung von Einzelobjekten auf ganze Raumkonzepte. Wohnräume vom Tisch, über Lampe hin zur Kloschüssel konnten inzwischen mit Produkten aus dem Hause »V&B« gestaltet werden – stets auch unter dem Aspekt »Design«.

Doppelwaschbecken von Luigi Colani von 1979, ausgestellt im Bröhan-Museum │
 Foto: Sammlung POPDOM, Colya Zucker Copyright Colani Design Germany GmbH
Villeroy & Boch Luigi Colani Badezimmer Werbung
Werbekampagne für ein Badezimmer-Design von Luigi Colani │ Copyright Villeroy & Boch │ Foto: Pinterest

Den Otto-Normal-Verbraucher nicht vergessen

Neben exklusivem Design erfreute sich aber auch Einfaches an Beliebtheit. Als Beispiel sei hier die populäre Serie »Acapulco« genannt. Selbst heute füllt sie Online-Börsen und Flohmärkte. Warum gibt es sie wohl noch in solch hoher Anzahl? Na, weil sie seit 1976 in ziemlich viele Haushalte eingezogen war.

Bis immerhin 1994 wurde die Serie noch produziert. Das Design mit südamerikanischen Motiven in knalligen Farben traf den Nerv der 1970er Jahre in ihrer Ästhetik und erfreut heute noch zahlreiche Menschen mit Herz für Retro-Design.

Villeroy & Boch Acapulco
Ein Klassiker der 1970er Jahre – die Reihe »Acapulco« │ Foto: Paolo Trabattoni via flickr under CC BY 2.0

Heinrich – Zuwachs in Sachen Knochenporzellan

[Ich glaube, dass es gar nicht so einfach ist modernes Design mit Tradition zu verbinden. Schließlich möchte man neue Kundengruppen gewinnen, ohne dabei gleichzeitig die alten, traditionellen zur vergraulen]. Um die traditionellen Käufer zu behalten, empfiehlt es sich auch klassische Linien im Programm zu führen. Das sieht man auch heute noch in den Klassikern wie »Alt Luxemburg«. Der Erwerb der Porzellanfabrik »Heinrich« im Jahr 1976 sollte diesem Aspekt dienen.

»Heinrich« produzierte seit 1901 Porzellan und zählte zu einem der bedeutendsten, deutschen Hersteller dieses Marktes. Mit dem Firmensitz in Selb saß das Unternehmen quasi im Herzen der Porzellanproduktion. Der Name wurde in seiner Blütezeit in einem Atemzug mit »Hutschenreuther« und »Rosenthal« genannt. Es war also nicht einfach irgendeine neue Fabrik im Portfolio von »Villeroy & Boch«.

Wie die meisten Porzellanmanufakturen hatte allerdings auch »Heinrich« nach dem Krieg zu kämpfen. Die Firma ging durch die Hände der englischen »Slater-Walker-Group«, sowie der »Bowater-Group« hin zu »V&B«. Dort wurde auch noch eine ganze Weile unter dem Namen »Heinrich« weiter produziert. [Diese Manufaktur liegt mir übrigens besonders am Herzen, denn sie schuf eine meiner All-Time-Favorite Teekannen überhaupt – »Anmut«].

Heinrich Anmut Sommer
Serie »Anmut« aus der Porzellanmanufaktur »Heinrich«, Dekor Sommer │ Foto: Kannenweise

»Villeroy & Boch« profitierte in zweierlei Hinsicht durch den Kauf der Fabrik. Zum einen brachte sie die prämierte Erfolgsform »Anmut« ins Unternehmen. [Die Serie wird mehr oder weniger unverändert auch heute noch von »V&B« hergestellt]. Der wichtigere Aspekt war jedoch die Tatsache, dass »Heinrich« das Portfolio um das luxuriöse »Bone China« ergänzte. Damit schloss das Unternehmen in Sachen Porzellan weiter auf und konnte auch höchsten Ansprüchen genügen.

Ab 1980 wurde in diesem Werk ausschließlich Knochenporzellan hergestellt und entsprechend für den europäischen Kontinent groß vermarktet. Damit galt also einmal mehr: erweitertes Know-How, neue Märkte, stärkere Marktmacht, mehr Umsatz und auf diese Weise erfolgreiches Unternehmenswachstum.

Die 1980er Jahre

Konnte man hier schon eine Kehrtwende im Markt erahnen? Jedenfalls stagnierte in den 1980er Jahren die Baubranche. Gleichzeitig erfuhr der Handel eine Reduktion an Handelsflächen. Spezielle Fachgeschäfte wichen großen Kaufhäusern mit breitem Sortiment. Auch »Villeroy & Boch« musste sich neu aufstellen. Bereiche wie Kundenbetreuung und Auslieferung wurden zentralisiert, die vorhandenen Werke spezialisiert, beziehungsweise kondensiert. Übrig blieben die drei Sparten Fliesen, Sanitär und Geschirr/Kristall (wobei die Cristallerie in Wadgassen 1986 ebenfalls schließen musste).

Während Schließungen und Entlassungen die Mitarbeiter hart trafen, bemühte sich das Unternehmen weiterhin um Prestigeprojekte.

Eine Kampagne, die auch heute noch vielen in Erinnerung geblieben ist, war die Zusammenarbeit mit Helmut Newton 1985. Der Star-Photograph entwarf 14 Anzeigenmotive für »Villeroy & Boch«.

Ganz typisch Newton waren darauf Models zu sehen, die (zumindest für die Zeit) provokant in Badezimmern posierten. Ergänzt wurde die schwarz-weiß Ästhetik um prägnante Headlines.

Helmut Newton
Helmut Newton Werbekampagne für V&B │ CamilaGp via flickr under CC BY 2.0

Die Zeitschrift Cosmopolitan wählte die Werbung zur »Kampagne des Jahres«.

Paradigmenwandel in der Gesellschaft

Außerhalb des Rampenlichts musste sich das Unternehmen derweil der gesellschaftlichen Entwicklung fügen. »Villeroy & Boch« selbst beschreibt diese Zeit mit »steigenden Single Haushalten« und »neuen Lebens- und Konsumgewohnheiten«. Dahinter verbarg sich in Zusammenhang mit Tischkultur: der Bedarf an vollständigen Servicen für 12 Personen nahm ab. Junge Leute kauften lieber günstiges Geschirr, das ihren Bedürfnissen besser entsprach und das sie schnell durch modernes ersetzen konnten.

Dinge – auch Geschirre – wurden nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben, sondern nach Bedarf einfach ersetzt. [Für die zeitliche Einordnung: IKEA wurde 1974 gegründet und steht symbolisch ebenfalls für dieses geänderte Konsumverhalten]. Was sich hier abzeichnete, wird heute gerne als »Wegwerfgesellschaft« tituliert. Ein Umdenken im Konsum (vor allem aufgrund der Folgen des Klimawandels) findet erst in jüngeren Zeiten wieder statt.

Villeroy & Boch Tasse Switch Collection
Eine Teetasse aus dem »Mix & Match« Nachfolger »Switch« mit unterschiedlichen Dekoren und frei kombinierbar mit anderen Teilen der Serie │ Foto: Kannenweise

Längst galt Porzellan nicht mehr als Prestigeobjekt. Das Unternehmen hielt dagegen mit der Kollektion »Mix & Match«.

Das Prinzip, wonach sich Geschirre aus verschiedenen Serien miteinander kombinieren und jeweils einzeln nachkaufen ließen, gibt es auch heute noch. Das war 1986.

Im gleichen Jahr ergänzte die Handelsmarke »Gallo Design« (die mit dem Hahn) das Portfolio. Hierunter wurden vor allem eher einfachere, ländliche Geschirrserien zusammengefasst. Etwas, was einmal mehr die jüngeren Käufer ansprach. Zudem waren unter dieser Marke auch weitere Wohnaccessoires zu kaufen, wie beispielsweise Stoffe.

Villeroy & Boch Gallo Teekanne Seladon Gold Galerie la porcelaine
Eine Teekanne der von V&B erworbenen Marke »Gallo Design« aus der Reihe »Galerie la porcelaine« im Dekor Seladon-Gold aus den 1980er Jahren │ Foto: Kannenweise

Umfirmierung – Design – Hotel

1987 schloss Paloma Picasso auf der Liste namhafter Designer auf. Sie entwarf über die Jahre im Bereich Tischkultur mehrere Geschirr-, Besteck- und Kristallkollektionen. Diese Kooperation verband beide Seiten bis in die späten 1990er Jahre hinein.

Paloma Picasso Unterschrift Villeroy & Boch
Paloma Picassos Schriftzug auf einer ihrer für V&B entworfenen Teekannen aus den 1990er Jahren │ Foto: Kannenweise

Ursprünglich im Schmuck-Design zu Hause, verlieh sie ihren Objekten genau diesen luxuriösen Touch. Ihre Serien wurden in Bone China umgesetzt. Und sie steht dabei beispielhaft für weitere zeitgenössische Stars aus den unterschiedlichsten Bereichen, die »Villeroy & Boch« ihre Handschrift liehen. Weitere Beispiele? Architekt und Designer Matteo Thun, Künstler Keith Haring, die beiden Modedesigner Joop und Kenzo, Produktdesign aus dem bekannten Design-Büro Frog Design, Duftdesigner Roberto Capucci und viele mehr.

Teekannen Villeroy & Boch Paloma Picasso Wolfgang Joop
Zwei Beispiele für die Arbeit renommierter Designer – links »Blue Elegance« entworfen von Wolfgang Joop für »Heinrich« (1980er) und rechts »Rue Royale« entworfen von Paloma Picasso für V&B (1992-1994) │ Foto: Kannenweise

Da man von Kunst allein selten leben kann, wurde auch die Sparte Sanitär nie aus den Augen gelassen. 1989 erwarb das (seit 1987 in eine AG umfirmierte) Unternehmen 50 Prozent des holländischen Unternehmens »Ucosan«, bekannt für Plastik-Badewannen und Whirlpools.

In Sachen Hotel schlief »V&B« auch nicht. Nach dem Erfolg des »Vitro-Porzellan« wurde in Luxemburg ein zweites Werk in Betrieb genommen, dessen Spezialisierung dem Hotelporzellan galt. Speziell an die Bedürfnisse von Hotel und Gastronomie angepasst, wurden hier individuelle Serien gefertigt. [Wer demnächst einmal im Hotel übernachtet, sollte mal das Geschirr umdrehen und schauen, ob es nicht vielleicht eine Serie von »Villeroy & Boch« ist – die Badezimmer sind es in den besseren Hotels sowieso].

Das auslaufende Jahrtausend

1990 folgte (im Prinzip der rein logische) Schritt an die Börse. Die Aktiengesellschaft blieb dabei allerdings weiterhin familiengeführt, mit jeweils gleich verteilten Sitzen für die Stamm-Familien im Aufsichtsrat. 

Modern aufgestellt, wurde ab 1992 einmal mehr das Portfolio angepasst. Hinzu kamen Mehrheitsanteile an diversen europäischen Unternehmen für Sanitär-Keramik wie »Alfðldi Porcelàngyàr« (Ungarn) und »Mondial S.A.« (Rumänien). Später ergänzten der Armatur-Hersteller »AB Gustavsberg« (Schweden, 2000) sowie der Badmöbelhersteller »db. das bad« (Österreich, 2001) die Beteiligungen. Dafür wurde unter anderem aber auch ein Stück Tradition in Belgien abgegeben. »Boch Fréres« ging an die französische »Saint-Gobain-Group«.

1998 gab es Grund zu feiern: das 250-Jährige Jubiläum von »Villeroy & Boch«. Bei diesem Anlass lobten in Mettlach diverse führende Politiker aus Deutschland, Luxemburg und Frankreich das Unternehmen, darunter zum Beispiel Helmut Kohl, Oskar Lafontaine oder der französische Finanzminister Strauss-Kahn. Innerfamiliär kam es allerdings zu größeren Spannungen (und das nicht zum ersten Mal); eigentlich waren die beiden Gründerfamilien zu diesem Zeitpunkt sogar zerstritten.

Im Jubiläumsjahr wurde Wendelin von Boch-Galhau neuer Vorstandsvorsitzende und damit der Kopf des Unternehmens. Unter seiner Mitwirkung und einer weiteren Neuausrichtung in Richtung »Lifestyle-Unternehmen«, gelang es die Gesellschaft trotz der Familienfeden weiter zu professionalisieren.

Das hieß vor allem, dass nicht mehr ausschließlich die von Bochs und Villeroys die Macht inne hielten, sondern nun Vorstand und Aufsichtsrat. Diese setzen sich mittlerweile auch nicht mehr nur aus Familienmitgliedern zusammen, sondern wurden durch Spezialisten von Außen ergänzt. Dadurch wird auch heute noch eventuellen Familienstreitigkeiten vorgebeugt.

Villeroy & Boch Weihnachten Bloomingdales
Ladendekoration mit dem Weihnachtssortiment von V&B, hier bei Bloomingdales │ Foto: Phillip Pessar via flickr under CC BY 2.0

Hinter dem Thema »Lifestyle« verbarg sich übrigens mehr als bloß ein neuer Marketing-Name. Die Umstrukturierung hatte beispielsweise zur Folge, dass es »Villeroy & Boch« nicht mehr in Baumärkten zu kaufen gab, sondern ausschließlich in Spezial-Geschäften, Outlets und ausgesuchtem Handel. Keine Ramschgeschäfte, keine Billiglinien, sondern Konzentration auf das hochpreisige Segment.

21. Jahrhundert & New Wave

Dabei sollte die Ausrichtung bleiben – auch in neuen Absatz-Märkten, wie Asien. 2004 wurde mit einer Niederlassung im Bereich »Bad und Wellness« in Shanghai ein erster Schritt in Richtung des großen Konsummarktes China gemacht. 2008 war der Schritt mit dem Kauf der »Sanitaryware Co Ltd.« in Bangkok nicht mehr ganz so zaghaft.

Währenddessen feierte die Firma einen weiteren Design-Erfolg. 2005 erhielt »Villeroy & Boch « den »Innovationspreis der deutschen Wirtschaft« in der Kategorie »Mittelstand«. Der Preis galt der Kaffee-Tasse aus der Serie »New-Wave«. Diese Tasse (und die dazugehörige Geschirr-Serie), wird jeder schon einmal vor Augen gehabt haben. Geprägt ist das Porzellan durch breit geschwungene Henkel und wellenförmige, viereckige Teller.

Villeroy & Boch New Wave Platzset
Ein vollständiges Set der Serie »New-Wave« mit Goldrand │ Foto: Svadilfari via flickr under CC BY-ND 2.0

Unterdessen wurde im Unternehmen fleißig umstrukturiert. 2006 fand eine Ausgliederung der Fliesensparte in die »V & B Fliesen GmbH« statt. Nur ein Jahr später, verkaufte das Unternehmen deren Mehrheitsanteile an die türkische Industriegruppe Eczacibasi. Auch der Sitz des Vorstandsvorsitzenden wurde weitergereicht. Mit Frank Göring fehlte zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte ein Villeroy oder ein von Boch an der Spitze.

Krisenzeiten

Nach all den Innovationen, der Ausweitung von Märkten, den zugkräftigen Design-Partnern und den überlebten politischen Unruhen der Vergangenheit, sollte wieder ein Tiefschlag folgen. Keine einzige Branche der Welt ist schließlich geschützt vor Veränderungen in der Gesellschaft oder dem Absatzmarkt.

2009 befand sich die ganze Welt in einer Finanzkrise. Zudem wurde speziell der Porzellan-Markt mit Billigwaren aus Asien nahezu überschwemmt. Der Handel wurde erschüttert, Fachhändler verschwanden zusehends aus den Städten. Menschen in Krisenzeiten kaufen in der Regel keinen Luxus. Also kam auch »Villeroy & Boch« nicht ohne ein blaues Auge aus der Zeit heraus.

Aktie Villeroy & Boch
Deutlich zu erkennen ist das Aktien-Tief während der Wirtschaftskrise 2009 und des Badezimmer-Kartells 2010. Im unteren Graphen zeigt sich, dass der Wert der Aktie seit circa 2015 kaum Wertzuwachs mehr erzielte │ Abbildung: Finanzen.net

Die Schließung von Werken, größere Automatisierung und dadurch starker Personalabbau waren Folgen von diversen »Optimierungen«. Wendelin von Boch-Galhau sagte bereits 2005 gegenüber dem Manager-Magazin, dass die Zukunft nicht rosig aussehe und dass niemand gerne Personal entließe. [Das glaube ich in diesem Fall sogar, in Anbetracht der Familiengeschichte und dem sozialen Engagement der Vergangenheit]. Dennoch zeichneten Stellenkürzungen kein schönes Bild, weder innerhalb der Belegschaft, noch auf dem Aktienmarkt und erst Recht nicht bei den Kunden.

Weltweit entließ der Konzern 900 Mitarbeiter, 400 davon in Deutschland. Tischbesteck und Gläser wurden nun nicht mehr in eigenen Werken hergestellt. In Luxemburg warf die »luxemburgische Christliche Gewerkschaft« (LCGB) »Villeroy & Boch« vor in Krisenzeiten »unsozial« zu handeln.

Schwarze Flecken auf weißem Porzellan

Auch in den Folgejahren reduzierte sich die Mitarbeiterzahl um weitere 609 Mitarbeiter (was in großen Teilen auf Schließungen von Produktionsstätten in Mexiko zurückging). Zu allem Übel deckte die EU-Kommission 2010 ein Kartell auf, an dem auch »Villeroy & Boch« beteiligt war. Siebzehn Unternehmen teilten sich illegaler Weise im Bereich Sanitär untereinander den Markt auf, was ein Bußgeld von 622 Millionen Euro nach sich zog – 71,5 Millionen davon entfielen auf »Villeroy & Boch« allein

Badezimmer Symbolfoto
Symbolfoto: Bildredaktion Wien via flickr under CC BY-SA 2.0

Dennoch ging es weiter. Denn im selben Gespräch gegenüber dem Manager-Magazin, in dem Wendelin von Boch die dunklen Wolken bereits heraufziehen sah, sagte er auch, dass Innovation alles sei, was bliebe. Und darauf besinnt sich das Unternehmen auch seither.

2013 folgten Entwicklungen von neuen WC-Systemen, des neuen Werkstoffs »Titan Ceram« (der dünnwandige und spitzeckige Waschtische ermöglichte) sowie zahlreiche neue Geschirr-Serien, die aktuelle Trends aufgriffen.

Villeroy & Boch Soup Passion Bowl Asia Porzellan
Teile aus der V&B Kollektion »Soup Passion« │ Foto: Kannenweise

Und manche Dinge ändern sich nie. Noch immer taucht das Brindille in den Designs von »Villeroy & Boch« auf (wenn auch modernisiert) und noch immer sitzt ein von Boch an der Spitze des Unternehmens. Seit Januar 2020 ist Dr. Alexander von Boch-Galhau neuer Aufsichtsratsvorsitzende. Wobei das gar nicht so selbstverständlich ist, wie man vielleicht denken könnte. Eine Anstellung im Unternehmen ist keineswegs garantiert.

Die Unternehmensanteile der von Bochs und Villeroys werden recht früh an die Kinder weitergegeben. Das führt zu immer mehr Gesellschaftern. Um das Familienunternehmen zu schützen, werden die Aktien nämlich nicht frei gehandelt und mit jedem Zuwachs und der Teilung der Anteile, sinkt der Pro Kopf Anteil der Gewinnausschüttung. Weder sind die Nachfahren also automatisch reich, noch zwangsläufig Teil des Unternehmens.

Zuvor müssen nämlich Studium und eine Berufslaufbahn in einem konzernfremden Unternehmen absolviert werden.

Was bleibt […]

Nach wie vor ist der Hauptsitz in Mettlach (inzwischen auch fremdgenutzt). Aktuell befindet sich der Konzern mit seinen 13 Produktionsstätten in Asien und Europa noch immer (aufgrund ihrer Stammaktien) in Besitz der beiden Familien von Boch-Galhau und Villeroy de Galhau. Ob die Familienmitglieder sich untereinander wieder mögen, weiß man nicht. [Aktuell steht wohl der Erwerb der luxemburgischen »Ideal Standard« in Prüfung, der etwas Staub aufwirbelt.]

In rund 125 Ländern können Freunde von Tischkultur und schönen Badezimmern Produkte von »Villeroy & Boch« kaufen, [wenn auch der Wert der Aktien seit längerem nicht mehr signifikant steigt].

Villeroy & Boch Geschirr Regal Präsentation Werbung
Beispiel eines modernen V&B Sortiments │ Foto: thinkretail via flickr under CC BY-NC 2.0

Ich persönlich hoffe, dass uns die Marke weiterhin lange erhalten bleibt. Denn wie ich bereits in dem Artikel zu meiner »Cellini«-Teekanne geschrieben habe, sind einige meiner Lieblings-Teekannen von »Villeroy & Boch«. Ich fühle gern die kühle Glätte des Premium Porzellans. Und ich hoffe, dass ich auch noch in ein paar Jahren, in der Lage sein werde hin und wieder eine neue Teekanne aus dem Hause »Villeroy & Boch« zu kaufen.

Außerdem muss ich lächeln bei dem Gedanken, dass es irgendwo einen jungen Menschen gibt, der vor dem Regal steht, eine Teekanne aus der Serie »Anmut« sieht und sich in diese verliebt – so wie ich vor Jahrzehnten es auch tat.

Was bleibt, ist wohl nach wie vor die Innovation (gepaart mit ein wenig Tradition).

Villeroy & Boch Logo Marke
Foto: Kannenweise

Quellen:

Bildnachweise (falls nicht in Bildunterschrift vermerkt):
Beitragsbild: Ein Werbeaufsteller der New Wave Kaffeetasse im Keramik Museum Mettlach von Patrick Müller via flickr under CC BY-NC-ND 2.0

Literatur:
Villeroy & Boch – Ein Vierteljahrtausend europäische Industriegeschichte 1748 – 1998, Text Rainer Dresens, Selbstverlag Villeroy & Boch Aktiengesellschaft , Mettlach, 1998, Seiten 144 – 191

Web:
Homepage Villeroy & Boch, Seite Unternehmensgeschichte, Stand 08.05.2021
Homepage Royal Boch, Seite Heritage, Stand 02.06.2021
Burg, Peter, Familie Boch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, Stand 14.04.2021
Manager-Magazin, Artikel Familien Villeroy & Boch – Späte Genugtuung von Martin Scheele, Stand 30.04.2021
Homepage Musée national d’histoire d’art Luxembourg, Stand 10.05.2021
Wikipedia, Artikel Villeroy & Boch, Stand 10.05.2021
Wikipedia, Artikel Majolikahäuschen, Stand 21.08.2021
Wikipedia, Artikel Franz Heinrich (Unternehmer), Stand 21.08.2021
Wikipedia, Artikel Die Kugel (Tafelservice), Stand 21.08.2021
Homepage Saarbrücker Zeitung, Artikel Zeitgeschichte von Villeroy & Boch, Stand 10.05.2021
Homepage RP-Online, Artikel Majolika-Häuschen, Die Forschung geht weiter, Stand 21.08.2021
Homepage Porcelainmarks & More, Artikel Villeroy & Boch, Stand 21.08.2021

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