Portraits, Porzellanmanufakturen

Gardner & Verbilki/Dmitrov Porzellan – Eine Achterbahnfahrt

Die Geschichte der Porzellanfabrik Gardner, später Verbilki beziehungsweise Dmitrov, dann Farfor Verbilok und zuletzt wieder »Manufacture Gardner in Verbilki« ist die eines stätigen Wandels. Eng verbunden mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Russlands, veränderte sich nicht bloß der Name, sondern mehrfach auch die Ausrichtung des Sortiments, die Qualität und auch die Zielgruppe der Manufaktur.

Als jemand, der in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurde, betrachte ich dieses Porzellans mit ebenso wechselnden Gefühlen. Ein kleines Teekannenset aus der Sowjetzeit von Verbilki besitze ich. Es weckt die Nostalgie an meine Kindheit, die vermutlich in der Erinnerung schöner reflektiert, als sie in der Realität tatsächlich gewesen ist. Ein wenig »Ostalgie« sozusagen, eine weitestgehend glückliche Zeit.

Newajlaika Stehtaufmännchen Teekanne Porzellan Verbliki
Die „Flöte“ von Oleschewski 1963 designt. Damit fing für mich alles an. │ Foto: Kannenweise

Gleichzeitig sind mir inzwischen die Panikmache in Zeiten des Kalten Krieges und die damit verbundenen Restriktionen, die politischen Unruhen während der Perestroika und der Folgezeit, sowie die heutigen eklatanten Verletzungen der Menschenrechte durch die russische Regierung schmerzlich bewusst. Das wirft unschöne Schatten auf meine Kindheitserinnerungen und meine kleine Teekanne.

Letztlich freut es mich aber zu sehen, dass die Fabrik in Verbliki nicht nur noch immer existiert, sondern einmal mehr zu ihren Wurzeln und zur einstigen Qualität zurückgekehrt ist, wenn auch für diese Manufaktur die Zeiten heute wieder schwierige sind.

Inhaltsverzeichnis ~ Shortcuts

GARDNER ÄRA

1766 – 1891

Wie ein Schotte zu einem russischen Adligen wurde

Zunächst werfen wir einen Blick auf den Gründer mit dem so »un-russischen« Namen und die ersten Schritte dieser außergewöhnlichen, kleinen Manufaktur.

Die Wurzeln der Familie Gardner liegen in Schottland. Francis Jacob Gardner (auch Franz Yakowlewitsch Gardner, geboren 1914 in Staffordshire) folgte dem Ruf des Zaren, Peter I., nach Russland, um dort bei dem Aufbau einer russischen Armee-Flotte zu helfen.

Das Land befand sich in der Zeit von 1741 bis 1743 nämlich im Krieg gegen Schweden. Die Schweden versuchten nach ihrer Niederlage im Großen Nordischen Krieg (1700 – 1721) gegen Russland zumindest teilweise die früheren Machtverhältnisse wiederherzustellen. Sie hatten dabei sämtliche baltischen Besitztümer verloren (und damit auch ihre Vormachtstellung im Ostseeraum). Dieser Rückgewinnungsversuch blieb jedoch erfolglos. Beim Friedensschluss 1743 musste Schweden sogar weitere Landzüge an die neue russische Zarin Elisabeth I. abtreten.

Gardner machte sich in dieser Kriegszeit verdient und wurde nach Kriegsende in den Adelsstand erhoben. 1746 machte er sich schließlich in seiner neuen Wahlheimat Russland sesshaft – und zwar zunächst in der damaligen Landeshauptstadt St. Petersburg. Dort ließ er seinen Namen auf die russische Variante Franz Yakowlewitsch Gardner umschreiben.

Jacob Gardner Porzellan Porcelain
Francis Jacob Gardner │ Bild: Public Domain

Porzellanträume

Gardner Statue auf dem Fabrikgelände in Verbliki │ Foto: public domain via Wikimedia Commons

In Europa herrschte Mitte des 18. Jahrhunderts ein regelrechter Porzellanboom, der langsam aber sicher auch nach Russland überschwappte. Die Oberschicht – allen voran die Zarin Elisabeth Petrowna selbst – interessierte sich sehr für das, was in Europa Trend war. Sie bemühte sich mit der Mode mitzuhalten. 1728 erhielt die Zarin ihr erstes Meissener Service geschenkt, was sie nachhaltig beeindruckt hatte [wie so viele andere Menschen sowie damals, wie auch heute].

Die Bezeichnung »Weißes Gold« kam allerdings nicht von ungefähr. Wertvoll machte es, dass nicht jedermann Porzellan herstellen konnte. Lange Zeit hatte China das Geheimnis um die Herstellung gehütet. In Deutschland wurde die Rezeptur erst 1708 durch den Alchimisten und Apotheker-Gehilfen Johann Friedrich Böttger neu »erfunden«.

Und wie das mit Spezial-Wissen so ist: wer es hat, hat die Marktmacht. Daher ging dieser nicht gerade mit seiner Entdeckung hausieren.

Elisabeth I. musste für heimisches Porzellan die Forschung in Russland selbst vorantreiben. Schon 1744 gab es erste Erfolge. Daraufhin wurde die Porzellanmanufaktur in Sankt Petersburg gegründet, die später zur »Imperialen Porzellanmanufaktur St. Petersburg« (Lomonosov) wurde. Diese belieferte allerdings ausschließlich den kaiserlichen Hof.

Auf diesen vielversprechenden Porzellan-Zug, wollte auch der geschäftstüchtige Francis Gardner aufspringen. In Friedenszeiten gab es für Menschen aus der Kriegsindustrie natürlich nicht genügend Arbeit, also sattelte Gardner um. Zunächst hatte er erfolgreich mit Holz gehandelt, später mit Zucker. Beides verhalf ihm zu Reichtum und Ansehen, sodass er es schaffte Kontakte in Adelskreisen zu pflegen und seine Kinder mit Adelsfamilien zu verbinden. Gute Voraussetzungen für den Vertrieb eines Luxusprodukts also.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Auf einer Geschäftsreise nach Tschernihiw, wo Koalinvorhaben gefunden wurden, kam ihm der Gedanke an die Porzellanherstellung. Die Idee dabei war, Porzellan aus russischer Produktion weitläufig verfügbar zu machen, und zwar über den kaiserlichen Hof hinaus.

Zunächst war da allerdings das Problem der Herstellung. Wie in Deutschland, hatte sich auch in Russland ein Chemiker daran gemacht das Porzellan »neu« zu erfinden. Dmitri Iwanowitsch Winogradow war in der Lage gewesen das Rätsel um die Rezeptur zu knacken. Aber dieser war nun mit seiner eigenen Manufaktur in Sankt Petersburg beschäftigt. Auf sein Wissen konnte Gardner also nicht bauen.

Ein Glück, beschäftigten sich noch andere mit der Entwicklung von Porzellan. Gzhel-Meister aus der Steingut-Manufaktur Grebentschikow (gegründet von zwei namensgebenden Kaufmanns-Brüdern) waren ebenfalls erfolgreich in diesem Bereich tätig. Sie benötigten nur drei Jahre, um zu Winogradow aufzuschließen. Allerdings taten sie das nicht wirklich erfolgreich. 1754 stand das Unternehmen schon wieder kurz vor seinem Aus.

Einer der Brüder verstarb, der andere strampelte sich dabei ab angehäufte Unternehmens-Schulden zu begleichen. Und hier nun schlug die Stunde für Gardner. Er bürgte für Afanassi Grebentschikow bei seinen Gläubigern im Austausch gegen das Rezept für seine Porzellanmasse und deren Verarbeitung. Das war eine Win-Win-Situation für die beiden Kaufleute.

Guter Ton

Gardner war damit Anfang 1766 bereit für eine eigene Porzellanmanufaktur, und Grebentschikow blieb dem Werk später als Geschäftsführer erhalten. Vom Herzog Nikolai Urusow kaufte Gardner nach Beratung durch Grebentschikow das kleine Dorf Verbolowo (später Verbilki) im Moskauer Umland, sowie das Land auf dem die Fabrik entstehen sollte.

Am 7. März 1766 wurde das Vorhaben rechtlich registriert. Der Grundstein für die erste private Porzellanfabrik Russlands war damit gelegt.

Für die Region rund um Verbilki sprachen zum einen der Reichtum an Holz, sowie diverse Tonerd-Vorkommen in der Nähe von Dmitrov. Schon andere Töpfereien (was an und für sich eine traditionelle Handwerkskunst in Russland war) hatten sich bereits aus denselben Gründen im Ort niedergelassen. Zudem befand sich nur etwa 35 Kilometer entfernt eine Fabrik zur Herstellung von Torfbriketts. Diese stellten einen preiswerten und gleichzeitig auch hochwertigen Brennstoff für die Öfen dar.

Besonderen Ton trieb Gardner in der Region Tschernihiw (Kleinrussland) auf. Durch seine Geschäftsreisen war ihm diese bereits bekannt. Dort wurde der sogenannte Glukhow-Ton abgebaut. Dieser Ton hatte die nötigen Brenneigenschaften für die Porzellanherstellung. Die Zusammensetzung des Tons war so gut, dass später nahezu alle Porzellanfabriken Russlands damit arbeiten sollten.

Das heutige (und auch damalige) Fabrikgelände in Verbilki │ Foto: Melee under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons (bearbeitet)

Gute Leute

Maßgeblich für die Qualität der Endprodukte sind neben guten Rohstoffen aber auch entsprechendes Fachpersonal. Selbstverständlich konnte eine Manufaktur nicht nur aus zwei Kaufleuten bestehen. Die Organisation des Unternehmens übernahm Xavier Franz Gattenberg (ein Professor für Technologie an der Universität Genf).

Auch Gardners ältester Sohn Franz war von Anfang an in das Unternehmen seines Vaters eingebunden. Dieser sollte später durch Europa reisen und bekannte Manufakturen besuchen. Von dort brachte er Proben mit, die Gardner als Muster für sein eigenes Porzellan dienten. [Urheberrechte wurden seinerzeit nicht besonders großgeschrieben. Dieses Vorgehen war nicht ungewöhnlich oder gar unerhört, wie es das zu heutigen Zeiten wäre.]

Die Fabrik wurde mit einer bunten Mischung an Personal bestückt. Gardner selbst (zu dieser Zeit noch immer kein Bürger des Russischen Reiches) durfte allerdings keine Leibeigene kaufen. [Eine seinerzeit übliche Form der Beschäftigung.] Nachdem das Geschäft mit der Bürgschaft Grebentschikows so wunderbar funktioniert hatte, wendete er diesen Zug erneut an. Dieses Mal übernahm er die Schulden für den örtlichen Grundbesitzer Wyrubow. Im Gegenzug wurden über dessen Namen die Neueinstellungen registriert.

Durch die ortsansässigen Töpfereien wurde Fachpersonal für die Fertigung angeworben. Dazu kamen Freiberufler oder auch Bauern, die zuvor um Freistellung gebeten hatten, oder gar von ihren adligen Besitzern ohne Entgelt in die Fabrik geschickt wurden. Um an das Qualitäts-Niveau einer Porzellanmanufaktur wie »Meissen« heranzukommen, brauchte Gardner jedoch auch erfahrenes Fachpersonal, vorzugsweise aus Europa.

Hinzu kamen also der deutsche Maler-Miniaturist Johaim Kästner, sowie der britische Bildhauer John Miller. Kästner übernahm die Schlung neuer Porzellanmaler. Miller hatte zuvor bereits für kurze Zeit in der Imperialen Porzellanfabrik in Sankt Petersburg gearbeitet und kannte dadurch auch Winogradows Errungenschaften.

Die Baby-Jahre der Produktion

Zunächst konzentrierte sich Gardner also auf Meissner Kopien. Selbst die berühmten gekreuzten Schwerter tauchten unterhalb seiner Stücke auf, was sich Meissen jedoch auf lange Sicht verbieten ließ. Wäre es bloß bei den Kopien geblieben, wäre Gardner wohl nicht besonders weit gekommen – auch wenn das Porzellan recht schnell hohen Standards genügte.

Gardner Porcelain Porzellan Teekanne Teapot
Gardner Porcelain Porzellan Teekanne Teapot
Diese Teekanne ist Teil einer Kollektion des British Museum. Sie wird auf die Zeit 1840 – 1870 datiert. │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0

Er ließ die Produktion recht zügig dem russischen Geschmack anpassen. Das dankten ihm seine zahlreichen Abnehmer. Russischer Geschmack, das war zu dieser Zeit: aufwendige Goldverzierungen, Kobaltauftrag und großzügige, großflächige, farbige Blumendekore.

In Sachen Qualität standen die Gardner-Produkte dem europäischen Porzellan in nichts nach. Schon Mitte der 1770er gelang es der Manufaktur sich mit der »Imperialen Porzellan Fabrik St. Petersburg« (Lomonsov) zu messen. Das galt für die Produktionstandards, wie auch den künstlerischen Aspekt. Bis heute ist das Porzellan dieser Anfangsjahre hoch begehrt in Sammler-Kreisen. Die Wahl des Personals hatte sich also ausgezahlt – mit einer Ausnahme.

Bei seiner zweiten Bürgschaft hatte Gardner nämlich kein gutes Händchen gehabt. Sein Gespäftspartner Wyrubow wurde 1777 wegen Diebstahls inhaftiert. Da sämtliche Arbeitsverträge über dessen Namen liefen, bangte Gardner nun um alle seine Leibeigenen, sprich Beschäftigten, und damit um seine gesamte Produktion.

Kaiserliche Vorlieben

Der Ausweg aus der Misere kam von kaiserlicher Seite. Dem Sagen nach war die junge Kaiserin Katharina die Große, wie ihre Vorgängerin und Großtante Elisabeth, eine Bewunderin des Gardner-Porzellans. So erteilte sie beispielsweise Aufträge an die Fabrik zur Ausstattung der Stadt-Residenz ihres Sohnes. Und glaubt man der Homepage der Manufaktur, so fand auch folgende Anekdote statt:

Zu Ehren ihres Namenstages gab Katharina die Große ihrem Lieblingsfürsten Potemkin den Auftrag eine festliche Tafel herzurichten. Die Maßgabe dabei war es den Luxus von »Tausend und einer Nacht« zu übertreffen. Potemkin – bemüht darum den Wunsch der Kaiserin zu erfüllen – ließ für das Dessert Porzellantassen befüllen. Diese sollen mit Diamanten verziert gewesen sein, was wohl die Ansprüche der Zarin nach Luxus und Gold von »Tausend und einer Nacht« tatsächlich übertraf.

Und diese Tassen stammten aus Gardners Manufaktur. [Wie viel Wahrheit in dieser Anekdote steckt, werden wir wohl nie erfahren.]

Die vier großen Orden-Services

Tatsächlich nachgewiesen ist jedoch die Zusammenarbeit Gardners mit dem kaiserlichen Hof in den kritischen Jahren 1777 bis 1783. So existieren noch Tafel-Services der Fabrik, die speziell für zeremonielle Empfänge im Winter-Palast des Hofs angefertigt wurden. Hierbei wurden verdiente Menschen des Landes mit entsprechenden Orden geehrt, die Heiligen beziehungsweise Patronen gewidmet waren.

Für die Zeremonie des Ordens des Groß- und Erzmärtyrers der orthodoxen Kirche Sankt Georg fertigte Gardner in Zusammenarbeit des Künstlers Grigori Kozlow ein Tafelservice an, das er der Kaiserin für das feierliche Bankett überließ (nicht ohne Hintergedanken natürlich).

Sie war davon tatsächlich so angetan, dass sie ihn auch für die folgenden Bankette beauftragte: in Ehren des Erstberufenen Apostels Jesu Sankt Andreas, dem russischen Großfürsten Alexander Newski und dem Großfürsten Wladimir dem Großen. Die Services trugen die Insignien und Farben der Verehrten beziehungsweise Patrone und waren exzellent ausgeführt.

Zusammengenommen umfassten sie bis zu 1 500 Stücke und hinterließen aufgrund der ausgezeichneten Verarbeitung auch bei den Teilnehmern der Bankette Eindruck. In Folge gewann Gardner diverse Ausschreibungen zur Fertigung von Medaillen und anderen Stücken der russischen Regierung und neue Kunden aus den Kreisen der hohen Aristokratie.

Vor einiger Zeit erzielte ein Teller des ersten Orden-Services von St. Georg bei Sotheby’s einen Verkaufspreis von rund 6.700 Euro. Auch museal finden die Stücke dieser Zeit immer wieder Beachtung.

Orden Porzellan Gardner Porcelain Teller Plate
Ein Teller aus dem Orden-Service für Katharina die Große. Dieser Teller mit aufwendigem Durchbruchrand ist dem Orden des Heiligen Sankt Georg gewidmet. │ Foto: Sarah Stierch via flickr under CC BY 2.0
Orden Porzellan Gardner Porcelain Teller Plate
Ein Teller aus dem großen Orden-Service für den Orden des Heiligen Andreas, dem Erstberufenen. Der Teller ist Teil des Royal Collection Trust von Queen Elisabeth II. │ Foto: Royal Collection Trust, public domain

Von Reitern und doppelköpfigen Adlern

Die Markung mit den Meissner Schwerten war obsolet geworden. Längst trugen die Stücke stolz das exklusive »G« (für Gardner). Die Fabrik war durch diesen cleveren Schachzug gerettet. 1785 erhielt sie durch den Moskauer Gouverneur das Recht auf die Führung des Abbildes des Heiligen Georg in ihrer Marke, sowie des Moskauer Stadtwappens.

Das Recht auf das staatliche Emblem wurde 1865, 1872, 1882 und 1896 bestätigt. Seit 1856 trug die Manufaktur auch den Titel eines »Lieferanten des Hofes seiner Kaiserlichen Majestät«. Im russischen Reich war das das Äquivalent eines Qualitätszeichens.

Orden Porzellan Gardner Porcelain Backstamp Marke wappen
Links zu sehen ist das Staatswappen des Russischen Kaiserlichen Reiches und rechts die erste Bildmarke Gardners, nachdem ihm die Erlaubnis das Wappen tragen zu dürfen erteilt wurde │ Bild: Kannenweise
Orden Porzellan Gardner Porcelain Backstamp Marke
Eine (unvollständige) Entwicklung der Bodenmarken von Gardner über Verbilki zu Gardner │ Montage: Kannenweise

Auch zierten Gardners Stücke inzwischen nicht mehr nur den festlichen Tisch, sondern auch die Innenräume vieler reicher Häuser Russlands. Denn besonders die Figuren der Manufaktur gewannen immer mehr Liebhaber.

Doch Gardners Zielabnehmer sollten nicht nur kaiserliche Paläste und hohe Aristokratie bleiben. Allem voran war er noch immer ein Kaufmann, der an Gewinnmaximierung und Erschließung neuer Märkte interessiert war, und der nun auch die Massenproduktion von Porzellangeschirr anstrebte.

Die Bevölkerung nahm das neue Geschirr dankend an und kaufte gern »einheimisches« Porzellan. Die Produktion wuchs. Arbeiteten 1771 noch 70 Personen im Werk von Verbilki, so verdoppelte sich die Zahl der Arbeiter innerhalb eines Jahrzents.

Porzellan Gardner Porcelain teacup cup teetasse Teller
Dieses Gedeck ist im Metropolitan Museum of Art zu finden. Ich finde, dass man an diesem Stück gut die Einflüsse von Meissen erkennen kann. │Foto: Metropolitan Museum of Art, public domain CC0 via Wikemedia Commons

Generation Next

Im Jahr 1796 verstarb Francis Jacob Gardner im Alter von 82 Jahren. Das Geschäft übernahm sein ältester Sohn Franz Franzewitsch, der ja bereits von Beginn an in die Angelegenheiten der Fabrik involviert war. Dieser überlebte seinen Vater jedoch leider nur kurz.

Die folgende Erbin Sarah Alexandrowna konnte über das Erbe allerdings nicht verfügen [Stichwort Patriarchat und so], wodurch es eine Weile still um die Produktion wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren ihre Söhne Alexander Franzewitsch und Peter Franzewitsch bereit für die Nachfolge in der Fabrik. Sie belebten die Produktion wieder und führten sie in ihre Hochzeit.

Gardner galt inzwischen (trotz steigender Konkurrenz) als die beste private Porzellanfabrik des Landes. Neben der sehr hohen Qualität, hielt das Porzellan auch den Veränderungen in Geschmack und Mode stand, indem entsprechende Anpassungen der Produktion vorgenommen wurden.

Das Sortiment war für die Zeit ziemlich beeindruckend. Neben Porzellan wurden auch hochwertige Fayencen hergestellt. Es dominierten zwar weiterhin Tee- und Tafel-Services, aber es gab auch Einzelobjekte, dekorative Tafelaufsätze, Tabletts, detailreiche Figuren und Vasen.

Orden Porzellan Gardner Porcelain Tasse Untertasse Cup and saucer
Diese handdekorierte Tasse ist auf etwa 1830 datiert │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0


Sie wurden unter und über Glasur dekoriert und in Reliefs gestaltet. Skulptural wurde ebenso gearbeitet. Thematisch wurde alles aufgegriffen, was die Zeit hergab: Blumengirlanden, Bouquets, Landschafts- und Städteabbildungen, Portraits berühmter Zeitgenossen oder Schönheiten, Romanhelden, sowie Militaria.

Porzellan Gardner Porcelain  Harlequin figurines Figuren
Die beiden Harlequin-Figuren sind ebenfalls Teil der Kollektion des Metropolitan Museum of Art │ Foto: Metropolitan Museum of Art, public domain CC0 via Wikemedia Commons

Malerei und Individualisierung

Die Porzellanmaler arbeiteten hierbei auf sehr hohem Niveau. Teilweise entstanden ganze Gemälde auf Porzellan, deren Motive aus Büchern oder Kunstobjekten übernommen wurden.

Der Sieg über Napoleon in 1812 beispielsweise, weckte eine neue Welle des nationalen Selbstbewusstseins in der Bevölkerung, was zu einem gesteigerten Interesse am einfachen Leben führte. Die Ästhetik des Neo-Klassizismus und die detailreichen, romantisierten Szenen eines russischen Bauernlebens waren für diese Periode daher charakteristisch – und die Gardners bedienten dies.

Porzellan Gardner Porcelain  Harlequin figurines Figuren
Figur „Eisangler“ circa 1855 – 1881 │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0

Porzellan Gardner Porcelain  Harlequin figurines Figuren
Figur „Junge Marktfrau“ circa 1820 – 1870 │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0

Außerdem wurden personalisierte Service eine Art »Visitenkarte« für das Gardner-Porzellan. So fertigte die Fabrik besonders häufig Stücke mit Wappen aristokratischer Familien, edlen Kronen oder Monogrammen an.

Porzellan Gardner Porcelain  Service plates terrine
Das Tafelservice von Großfürst Kronprinz Pavel Petrowitsch und seiner Ehefrau Gräfin Maria Feodorowna.
Die Stücke tragen das Monogramm des Paares P und M. Ausgestellt ist dieses Service im Grünen Speisesaal des Katharinen-Palastes in Moskau. Geschätzt auf circa 1780. │ Foto: Andrey Korzun under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Maue Jahre

Mitte der 1850er Jahre ging die Fabrik an Wladimir und Alexander Petrowitsch, zwei Ur-Enkel des alten Francis Gardner. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde schließlich die Frau des dritten Enkels im Bunde Pavel Petrowitsch, Elizaweta Nikolaewna Gardner alleinige Eigentümerin. Sie hatte jedoch leider nicht das Handelsgeschick ihrer Vorgänger und scheiterte daran die Produktion zu modernisieren. Die erste Talfahrt der Manufaktur begann.

Hinzu kam, dass seit Übernahme der Enkel das künstlerische Niveau der Manufaktur gesunken war. Unter anderem lag der Grund darin, dass inzwischen Vorlagemaltechniken die Porzellanlandschaft dominierten. Abziehbilder, die im Druckverfahren auf das Porzellan übertragen wurden, führten schließlich zu einem Rückgang in der plastischen und dekorativen Kultur. Kurzum, es gab immer weniger Experten, die kunstvolle Dekorationen ausführen konnten und auch weniger Nachfrage nach Hochwertigem.

Zudem verschlechterten sich nach dem Krimkrieg die Beziehungen zu Großbritannien, in Folge dessen ein Exportmarkt schlicht wegfiel. Die Begeisterung für das einst führende Porzellan des Landes schien abzuebben.

DIE KUZNETSOW ÄRA

1892 – 1917

Das Ende der Familie Gardner

Mitte der 1880er Jahre produzierten 777 Arbeiter des Fabrikstandorts in Verbliki noch Porzellanprodukte im Wert von 208.000 Rubel. [Heute wären das Beträge im Bereich von circa 3 Millionen Euro]. Bis 1891 konnte das Geschäft in den Händen der Familie verbleiben.

1892 wurde es schließlich an den Geschäftsmann Matwey Sidorowitsch Kuznetsow verkauft. Der neue Besitzer war kein unbeschriebenes Blatt in Puncto Porzellan. Der sogenannte »Porzellankönig« Russlands stammte aus einer traditionsreichen Porzellanfamilie und integrierte den Neuerwerb in seine bereits existierende »Vereinigung zur Herstellung von Porzellan und Fayence-Produkten von M. S. Kusnetsow«. Manchmal findet man auch die Bezeichnung »Dulevo«.

Matvey Kuznetsow
Ein Foto von Matvey Kuznetsow zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es stammt aus dem Archiv von M. V. Zolotarev│ I. E. Kuznetsow. (public domain)

Der Kaufpreis betrug damals 238.000 Rubel (also nur knapp 30.000 Rubel über dem Produktwert der Produktion – ohne Maschinen und liquide Mittel zu berücksichtigen). Für weitere 500 Rubel erhielt er sämtliche Fabrikmodelle, Formen, Zeichnungen und Muster quasi geschenkt. Für ein Unternehmen mit einem tadellosen Ruf über 120 Jahre lang, war dies ein erschreckend niedriger Erlös.

Beginn einer neuen Ära

Kuznetsow aber kannte den Marktwert der Marke »Gardner« und ließ die Produkte der Manufaktur weiterhin mit dem alten Stempel prägen. Ihn interessierten bei seinem Kauf vor allem die aristokratischen Kunden des Unternehmens – ein Kundenkreis, der ihm selbst bisher verschlossen geblieben war.

Um jedoch mit der Konkurrenz mithalten zu können, stellte er die Fertigung dennoch weitestgehend auf günstige Massenproduktion um. Während die Elite weiterhin hochwertiges Porzellan erhielt, wurden die Serien für die Mittelschicht vereinfacht.

Darüber hinaus war die weitere Erschließung neuer In- und Auslandsmärkte geplant – ein Bereich, in welchem die Enkel Gardners bereits Vorarbeit geleistet hatten.

Die Kolonien in Zentralasien

Ein besonderes Augenmerk wurde beispielsweise auf die kolonialen Märkte in Zentralasien gelegt. Hierfür wurden eigens Serien produziert – heute zu erkennen an einem arabischen Schriftzug neben der bekannten Gardner-Marke. Dem Geschmack dieser Republiken angepasst wurden hauptsächlich kleine, farbenfrohe Teekannen und Teeschalen vermarktet, die zahlreiche Abnehmer fanden.

Nicht jeder konnte sich dieses importierte Porzellan leisten. So wurden die (meist) Einzelstücke gerne in Wandnischen aufbewahrt. Dorthin fiel der Blick beim Betreten des Raumes zuerst. [Man gab damit also ein wenig an.] Möbel waren zu dieser Zeit in Ländern wie Usbekistan (und ähnlichen Kolonien) eher die Ausnahme.

Kuznetsow Porzellan Gardner Porcelain  Teekanne teapot
Diese Teekanne wurde in der Zeit zwischen 1870 und 1917 speziell für Export in den Iran gefertigt und ist typisch für die Modelle extra für den zentral-asiatischen Raum │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0

Die bunten Kannen sind dort so etwas wie Nationalgut geworden. Man findet sie bisweilen auch verewigt in diversen Kunstwerken. Außerdem waren sie weit genug verbreitet, dass sie bis heute in Haushalten vorgehalten werden (inzwischen häufig geklebt und repariert). Für den Mülleimer waren sie immer schon zu schade gewesen. Mit Kuznetsow und seiner Massenfertigung wurde das Porzellan dieser Kannen dicker, die Bemalung gröber, aber die Begeisterung dafür blieb.

Sortimentsanpassungen

Die Fabrik schrieb also wieder schwarze Zahlen, produzierte mehr als je zuvor, verlor aber leider die Besonderheit ihrer künstlerischen Qualität der Anfangszeit. Es wurde kaum noch handdekoriert, sondern fast ausschließlich maschinell bedruckt. Angepasst an die Nachfrage der Konsumenten stellte die Fabrik in Verbilki nach wie vor hauptsächlich Tee- und Tafel-Services her. Aber auch einzelne Objekte auf Basis der alten Gardner-Formen waren weiterhin Bestandteil des Sortiments, in der Regel für die Besserverdienenden.

Darüber hinaus wurden Lampen, Kerzenhalter, Kronleuchter und Schalen für diverse Kirchen gefertigt. Zum 100. Jahrestag der Schlacht von Borodino erschienen Sonderteller, Tassen, Vasen und weiteres Geschirr mit Episoden des Vaterländischen Krieges von 1812. Zum 300. Jahrestags der Romanow-Dynastie zierten russische, junge Damen und Bojaren in Kleidung des 16. und 17. Jahrhunderts zahlreiche Wandteller.

Im großen Stil wurden kleine Skulpturen (Pferde, Bären, Hunde, Katzen, Hähne etc.) hergestellt. Und aller Massenproduktion zum Trotz blieben auch handgefertige Stücke (wenn auch in geringerer Anzahl) im Sortiment. So erinnert man sich heute beispielsweise auch an aufwändig hergestellte Ikatteller und Schalen der Zeit. Sie waren wertig und kostbar (und sind es auch heute noch).

Porzellan Gardner Porcelain  Teeschale teacup
Eine Schale aus dem späten 19. Jahrhundert in bicolor und Goldverzierung. │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0
Durelevo Porcelain porzellan teller plate ikat
Ein Ikat-Teller von Kuznetsow, der heute ebenso geschätzt wird, wie die Stücke aus der Gardner-Zeit. │ Foto: The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0

Der Porzellankönig

Eines musste man Kuznetsow sowieso lassen: ohne ihn gäbe es Gardner heute vermutlich nicht mehr. Tatsächlich lag die Fabrik in Sachen technischer Standard weit hinter seinen eigenen Fabriken zurück, die er ständig aufrüstete. Vielleicht lohnt ein kleiner Blick auf den Herrn.

Kuznetsow arbeitete bereits seit 1864 in den Werken seiner Familie. Mit Eintritt der Volljährigkeit übernahm er die Geschäfte ganz. Er wurde als besonders zukunftsorientiert beschrieben, nahm mit Erfolg an diversen Ausstellungen teil und durfte seit 1902 auch mit seinen anderen Werken den Titel »Lieferant des Hofes seiner Kaiserlichen Majestät« tragen.

Außerdem setzte er sich für die Rechte seiner Arbeiter ein – kam er doch selbst aus einer mittelständischen Familie. Daher entwickelte sich wohl auch sein Wunsch die einzelnen Werke unter einem Dach zu vereinen. Aus seinem Moskauer Handelssitz lenkte er die Porzellan-Geschicke des Landes.

Kuznetsow Moskau Haus
Die Moskauer Residenz der Kuznetsows │ Foto: Vladimir OKC under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Mehr als nur Fabrikgeschäftsführer

Insgesamt 1 300 Festangestellte und 4 000 Saisonarbeiter waren unter ihm beschäftigt. Und diese fertigten durchaus qualitativ hochwertiges Porzellan beziehungsweise hochwertige Fayencen an, wie Preise von Ausstellungen in Paris und Reims zeigten. Kuznetzsow führte zur Erreichung dieser Excellenz sogar eine Qualitätssicherung in den Fabriken ein, die sicherstellte, dass kein mangelhaftes Stück das Werk verließ. Das war nicht unbedingt Usus zu dieser Zeit.

Das Bemühen um gemeinsame Branchenregeln innerhalb der Porzellanindustrie sowie ein Mitwirken in der Entstehung von Gewerkschaften, welche sich um die Belange der Fabrikmitarbeiter kümmerten, lagen ihm ebenfalls am Herzen.

In seinem Geburtsdorf unterstützte der religiöse Geschäftsmann auch den Bau von Kirchen und Schulen. Darüber hinaus kämpften die Kuznetsows für eine Stärkung russischer Waren gegenüber günstiger Importware aus dem Ausland. So ersuchte er 1883 den Finanzminister auf ebendiese höhere Zölle zu erheben, um den Inlandsverkauf besser zu positionieren.

Anfang des Jahres 1911 verstarb Matwey Sodorowitsch überraschend an einem Schlaganfall.

SOWJET ÄRA

1917 – 1991

Alles anders

Zunächst übernahmen Kuznetsows Nachfolger die Fabrik mit dem Gardner-Emblem. 1917 jedoch bewegte die Geschichte die Manufaktur in eine andere Richtung. In Folge der Oktober-Revolution in Russland wurden sämtliche Industrieunternehmen verstaatlicht. Die Industriefamilien verloren ihren Besitz und ihre Unternehmensstimme.

Die Fabrik trug nun wechselnde Namen wie »Autonome republikanische Dmitrov-Porzellanfabrik« sowie »Dmitrov-Staatsfabrik in Verbilki«. Unter der Regierung der Sowjetmacht änderte sich nicht nur die Marke, sondern auch die Einstellung des Staates zu Kunst. In schönem Geschirr wurde eingestaubte, bürgerliche Bourgeoisie gesehen. Stattdessen sollten Einheitlichkeit und Einfachheit das neue Leben kennzeichnen.

Qualität stand nicht mehr besonders weit oben auf der Prioritätenliste, Masse dafür umso mehr. Zu Beginn wurden daher weitestgehend unkomplizierte Mainstream-Formen der Kuznetsow-Zeit aufgegriffen und produziert. Harmlose florale Motive schmückten die nun eher mittelmäßig wertigen Stücke. Vereinzelt wurden zwar auch Unikate besserer Güte gefertigt, diese blieben jedoch eher die Ausnahme.

Darüber hinaus machten auch die Folgen des Bürgerkrieges und der Wirtschafts-Krise der Fabrik zu schaffen.

Isolatoren statt Teekannen

Daher gehörten nun neben dem einfachen Geschirr auch keramische Isolatoren für Stromleitungen sowie grobe Grundausstattungen für Gemeinschaftsverpflegung, Sanatorien, Schulen und Kindergärten.

Isolatoren insulators
So oder so ähnlich hätten Isolatoren aus der Fabrik wohl aussehen können …│ Symbolbild: A collection of insulators von Pulpolux !!! under CC BY-NC 2.0

Auch in Sachen Gestaltungsfreiheit gab es Gebote seitens der Regierung. Fröhlichkeit und Gemeinschaftssinn waren gefragt, daher fand man nun auch Propagandamotive auf Porzellan aus Verbilki.

Dennoch ging die Produktion stetig weiter. Das Signal einer Lokomotive, das auf dem Dach des nördlichen Gebäudes des Hauptkomplexes montiert wurde »weckte« täglich das Dorf und kündigte den Beginn und das Ende eines jeden Arbeitstages an.

Erst in den 1930er Jahren begann sich die Produktion von feinem Qualitätsporzellan wieder zu erholen. Die Manufaktur in Verbilki griff diese Entwicklung sofort auf. Bemerkenswerte Werke aus dieser Zeit sind beispielsweise die Teesets unter dem Namen »Kunst der Völker der UdSSR« oder die Arbeit des Bildhauers Sergei Mikhailowitsch Orlow. Seine Figuren »Buckliges Pferdchen«, der »Goldfisch« und die »Clowns« sind heute beliebte Sammelobjekte.

Es geht bergauf … um dann in Stillstand zu verharren

Orlow trug wesentlich dazu bei eine Kunstabteilung aufzubauen, um die künstlerische Qualität der Manufaktur zu erhöhen. Seine Arbeit zahlte sich aus. Das dünnwandige Porzellan begann wieder internationale Preise zu gewinnen. 1937 durfte Verbilki die Große Goldmedaille der Weltausstellung in Paris nach Hause tragen. 1958 folgten sowohl Gold- als auch Silbermedaillen aus Brüssel. Es ging wieder bergauf.

Der zweite Weltkrieg stoppte den Aufwind jedoch jäh. Während der Kriegsjahre musste die Kunstproduktion nahezu gestoppt werden. Dennoch erschienen einige Werke russischer Künstler.

A. Tschetschulina, vor dem Krieg bekannt für die Service »Russische Verzierung« und »Frauen unserer Republiken«, schuf in dieser Zeit das Service »Schlacht um das Mutterland«. T. Demorei erinnerte an den Gardner-Ordensdienst und malte nach einer neuen Version des »Alexander Newski« Ordens, die Orden »Suworow« und »Kutusow« – alles Kommandeure des Großen Vaterländischen Ordens.

Unter Kriegsbedingungen wurde das Werk natürlich für die Bedürfnisse der Front angepasst: Hochspannungsisolatoren für zerstörte Kommunikationsleitungen, Gefäße für schwerverletzte Personen, die in Krankenhäusern behandelt wurden, etc. Die meisten Fabrikarbeiter wurden eingezogen und standen an der Front. Sie wurden durch Frauen und Kinder ersetzt, von denen viele später mit staatlichen Ehren ausgezeichnet wurden.

1941 wurde die Anlage für den Fall einer Eroberung durch den Feind abgebaut und die Produktion ganz beendet. Gleichzeitig wurden die Einheiten der Division angewiesen, diese alte Fabrik um jeden Preis zu erhalten.

Nach dem Krieg schaffte es die Fabrik auf eine vollständige mechanische Herstellung hochzufahren und sich zu einem modernen Industrieunternehmen aufzustellen.

Mid-Century: Erholung

Die neu aufgestellte Kunstabteilung der Dmitrov-Porzellanfabrik wurde in den 1950er Jahren von Ewgeny Petrowitsch Smirnow geleitet. Ziel war es vollkommen neue Formen und Malereien zu entwickeln. Es war die Kunstabteilung, die Prototypen absegnete und tägliche Kontrollen der künstlerischen Qualität durchführte.

Während das erste Jahrzehnt nach Kriegsende noch stark von Barock und Gold geprägt war, das das siegreiche Land verherrlichte, wendete sich die Kunstabteilung unter Smirnow nun der Einfachheit hin mit dem Merkmal einer eher sparsam eingesetzten Goldverzierung hin – ein Spiegel der Zeit sozusagen.

Also erschienen die Produkte der Fabrik in der Zeit von 1954 bis 1965 in einem eher schlichten und lakonischen Design. Es war eine eigene Designsprache zu erkennen. Dazu trug auch das hauseigene »Dulevo Art and Ceramic College« bei. Dort wurden Künstler in angewandter und dekorativer Kunst ausgebildet. So wie die Porzellanmalerin Anna Iwanowna Prawikowa, von der vermutlich auch das Dekor auf meiner Teekanne stammt.

Bis 1965 stieg die Produktion der Fabrik in der Sparte Teeservices von 54.000 auf 345.000 Stück, bei den Skulpturen stiegen die Produktionszahlen von 10.000 auf 160.000 Stück.

Verbilki porcelain porzellan teekanne teapot
Eine Kannenform nach dem Bildhauer Olschewski aus dem 1960er Jahren │ Foto: Pinterest

200 Years and Going

Im Jubiläumsjahr feierte die Fabrik einen Produktionsausstoß von über 30 Millionen Stücken pro Jahr. Mit einer Rückbesinnung auf die Qualität des Porzellans kehrte auch der Erfolg zurück. Inzwischen beschäftigte die Dmitrov-Porzellanfabrik erfahrene Malter und Skulpteure. Für ihren Erfolg wurde die Fabrik mit dem Orden des »Roten Banners der Arbeit« geehrt.

Auch veröffentlichte die Staatspost zwei Briefmarken, auf denen zum einen die berühmten Figuren der Fabrik und die aktuellste Teekanne – entworfen vom Haus und Hof Bildhauer Wladimir Nikolajewitsch Olschewski – zu sehen waren.

Briefmarke Verbilki Jubiläum Porzellan
Diese Briefmarke zum 200jährigen Jubiläum der Fabrik zeigt ein Teeset von Bildhauer Olschewski. Das Design der Briefmarke aus dem Jahr 1966 ist von N. Akimuschkin │ Bild: public domain via Wikimedia Commons
Briefmarke Verbilki Porzellan Jubiläum
Die zweite Briefmarke nach dem Design von N. Akimuschkin, mit 6 Kopeken Wert. Abgebildet sind berühmte Figuren Stepan Pimenov aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts │ Bild: public domain via Wikimedia Commons

Olschewski entwarf zahlreiche Formen für die Manufaktur. Die Teekanne, die auf der Briefmarke festgehalten wurde, entwickelte sich für viele Jahre zu einer Art Signatur-Teekanne für das Unternehmen. Dass eine neue Zeit angebrochen war, konnte man an dem ikonisierten Elch sehen, der seit den 1960er Jahren das Porzellan markierte.

An dem Elch ließ sich das Dmitrov-Porzellan schnell und sicher klassifizieren. Bis heute markiert er eine gute Zeit für die Fabrik.

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Die Rückseite eines Tellers mit der Bildmarke von Verbilki mit dem Elch. Hier zu sehen in blau und dem Hinweis C2, also 2. Wahl. │ Foto: Bushman.K under CC BY-NC 2.0

Der Porzellan-Boom

Oft ist es ja so, dass vor einem Fall noch einmal ein großes Hoch kommt. So war es auch in den 1980er Jahren für Verbilki. Die Nachfrage in dieser Zeit war extrem hoch. Händler holten das Porzellan persönlich in der Fabrik ab; standen dafür Schlange vor dem Werksladen.

Über 44 Millionen Stücke wurden inzwischen pro Jahr gefertigt. Neuerscheinungen waren innerhalb von zehn Minuten ausverkauft. Im Werk fanden mehr als 3 000 Menschen aus der Umgebung Arbeit. Die Berufsschule vor Ort konnte sich vor Nachwuchs kaum retten. Und dieser Nachwuchs erhielt eine intensive und umfassende Ausbildung. Zwei Jahre lang wurden junge Mitarbeiter im Betrieb von den scheidenden Arbeitern ausgebildet. Auch Kunstschüler kamen gerne in die Dmitrov-Fabrik, wusste sich der Dmitrov-Arbeiter Viktor Nikonow in einer Reportage von Karina Saltikowa aus dem Jahr 2019 zu erinnern.

Das alles sollte sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ändern.

POST-SOWJET ÄRA & HEUTE

1991 – heute

Einmal Sowjetunion und zurück

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR entfiel die staatliche Subvention. Das verstaatlichte Unternehmen wurde wieder privatisiert. Einen charismatischen Industriellen, wie Gardner oder Kuznetzow es gewesen waren, gab es aber nicht mehr. Also kauften 1991 Fabrikarbeiter das Werk und organisierten sich in der »Porzellan Verbilok CJSC«.

1995 wurde die Tochtergesellschaft »Verbilok Crafts« gegründet, die sich auf die Porzellanmalerei spezialisierte. Einmal mehr stellte sich das Werk in Verbliki auf stabile Beine – dieses Mal mit einem Kreis aus der Belegschaft. 2006 stellten noch immer 350 Mitarbeiter (20 von ihnen Maler) Qualitätsporzellan her und besannen sich auf ihre Wurzeln.

Seit 2007 ist die »Gardner Manufacture in Verbilki« Ehrenmitglied der Kreml Suppliers Guild und darf entsprechende Insignien führen. Dort kann man das Porzellan im Souvenirladen kaufen.

Die Auszeichnungen für ihre Arbeit allerdings bewegte sich seither nur noch auf nationaler Ebene. 2008 wurden sie als »The Most Stylish Interior Items«-Award ausgezeichnet. 2009 dankte der Kulturminister der Russischen Föderation für den Beitrag des Unternehmens zur Erhaltung und Entwicklung der Traditionen im Volkskunsthandwerk des Landes. Auch die »Akademie der Künste« zeichnete die Manufaktur eben dafür aus.

International konnte das »Verbilok Porzellan« 2011 auf dem »Internationalen Festival für Kunstkeramik« noch einmal punkten.

Schwieriges Erbe der Überlebenden

Doch die Zeiten sind wieder einmal schwierige – und das nicht nur für die Porzellanfabrik in Verbilki. Nein, dieses Mal handelt es sich um ein globales Problem. Wie auch deutsche Hersteller, kämpft die Manufaktur nun gegen die Überflutung des Marktes mit billigem China-Porzellan und sinkender Nachfrage nach kostspieliger Qualität.

Seit Oktober 2012 ist die »Gardner Manufacture in Verbilki« nur noch eine von drei bestehenden Porzellanfabriken Russlands. Sie pflegt ein Handwerk mit rückläufiger Nachfrage. 2014 berichtete die damalige Direktorin Alexandra Mammadowa von den aktuellen Problemen.

Hohe Steuern und Zölle für Strom und Gas verhinderten eine notwendige Modernisierung. Neunzig Prozent (!) der Mitarbeiter müssen in Moskau einem Zweitjob nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Es besteht Investitionsstau bei den lebensnotwendigen Brennöfen. Staatliche Unterstützung wurde zugesichert und die Produktion läuft weiter … noch.

Handwerk und Wert

Der heutige Chefdesigner Valentin Nikonow versuchte in der bereits erwähnten Reportage von Karina Saltikowa auf die Besonderheiten der Porzellanherstellung hinzuweisen. Er selbst ist Historiker, spezialisiert auf das Porzellan aus der Kuznetzow-Zeit und Designtheorie. Neben seiner Arbeit in Verbilki unterrichtet er auch seit vielen Jahren an der Akademie für Aquarelle und bildende Künste der Russischen Staatlichen Universität Kossygin.

Valentin weist darauf hin, wie schwierig es geworden ist guten Nachwuchs zu rekrutieren. Die Porzellanherstellung, die in ihrer Komplexität dem Arbeiter viel Geschick abfordert, ist inzwischen zu kostspielig geworden, das Gehalt dafür zu niedrig. Die Anstellungsmöglichkeiten sinken. Es gibt nur noch wenig große Industrie, und kleine Manufakturen können dem Druck der Billigporzellans nicht standhalten.

In Verbilki wird bei 1350 °C gebrannt (höher als beispielsweise bei preisgünstigem Porzellan), was wiederum entsprechend mehr Rohstoffe bedarf. Die Rohmasse wird nach wie vor aus heimischen Quellen selbst hergestellt. Die Komponenten kommen dabei aus der Ukraine und dem Ural. Strom- und Materialkosten sind daher sehr hoch.

Zudem können Formen zum Ausgießen von Tassen oder Kannen nicht mehr als 50 Mal verwendet werden, bevor sie erneuert werden müssen, da sonst durch Verformung der Ausschuss zu hoch wäre. All das macht eine Qualitätsfertigung aus – und kostet Geld.

Geld, das beim Verbraucher in diesem Segment nicht mehr locker sitzt. Allerdings stehen dem gegenüber auch Prestige-Aufträge wie Geschenke für Patriarchen, Regierungsbehörden, Handelsorganisationen oder ausländische Gäste.

Stetige Anpassungen

Im Programm der Manufaktur findet man heute neue und altbekannte künstlerische Plastiken und Figuren. Beliebte Modelle werden aufgrund der hohen Nachfrage wieder produziert.

Ein verspieltes Teeset aus der neueren Zeit der Fabrik – Foto: Pinterest

Auch im Bereich Geschirr tummeln sich wieder aufgenommene, beliebte Serien aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Porzellanliebhaber können – auch online – exquisite Kaffeetassen oder Bonbon- und Obstschalen erwerben. Und natürlich gibt es auch nach wie vor Tee- und Tafelgeschirr für den normalen Geldbeutel.

Gleichzeitig werden kontinuierlich auch neue Serien entworfen – wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie es im Boom der Sowjetzeit der Fall gewesen war.

Gardners Idee eine Porzellans für jede Schicht durchwebt jedenfalls das Sortiment und die Fabrik bleibt ihm treu. Hoffen wir, dass auch genügend Kunden dem Unternehmen treu bleiben und durch ihre Käufe sein Fortbestehen absichern. Ich jedenfalls, habe da etwas entdeckt, was einen Platz auf meiner Wunschliste gefunden hat.

Gardner porcelain porzellan Dekor blumenmalerei
Die Detailaufnahme des aufwendigen Dekors der kobaltblauen Teekanne aus dem British Museum of Art. Die Blumen wurden in seladon-grün schattiert, was sie besonders plastisch wirken lässt. │ Foto: Ausschnitt, The British Museum under CC BY-NC-SA 4.0

Quellen:

Bildnachweise (falls nicht in Bildunterschrift vermerkt):
Beitragsbild: eine Montage diverser Teller der Manufaktur aus dem Wikimedia Fundus

Web:
Homepage Rocor Studies – Historicas Studies of the Russian Church Abroad, Artikel zu Bishop Philip Gardner, Stand 08.01.2022
Homepage My Fare Gallery, Seite Gardner Porcelain Factory, Stand 08.01.2022
Homepage Sovfarfor (für Sammler russischen Porzellans), Seite Verbilki Porcelain, Stand 08.01.2022
Homepage Manufacture Gardner in Verbilki, Seite About Us – History, Stand 08.01.2022
Homepage International Wardrobe, Artikel Das Alltagsgeschirr in Usbekistan, Stand 08.01.2022
Homepage Ya Collectioner (für Sammler), Seite Farfor Verbilok, Stand 08.01.2022
Homepage Museum Collection, Seite Gardner Porcelain Factory, Stand 08.01.2022
Homepage The State Hermitage Museum, Seite Russian Private Factories, Stand 08.01.2022
Homepage des Magazins TASS, Artikel Porzellan verpflichtet, 06/2019, Stand 08.01.2022
Blog Zen Yandex, Blog-Post Фарфор Вербилок на выставке «Космос становится ближе» (Porzellan Verbilok in der Ausstellung „Der Raum rückt näher“) von User Вижу красоту (Ich sehe Schönheit), 2021, Stand 08.01.2021

Wikipedia (RU), Artikel Farfor Verbilok, Stand 08.01.2022
Wikipedia (RU), Artikel Jacob Gardner, Stand 08.01.2022
Wikipedia (RU), Artikel Matwey Kuznetsow, Stand 08.01.2022
Wikipedia (RU), Artikel Partnerschaft für die Herstellung von Porzellan- und Steingutprodukten M. S. Kuznetsow, Stand 08.01.2022

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